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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1905-02-01 · Heft 2 (Februar 1905) · p. Seite 5

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
1 (1905)
Issue
Heft 2 (Februar 1905)
Article
Der allgemeine jüdische Arbeiterbund (Bund) in Russland, Polen und Littauen
Date
1905-02-01
Page
Seite 5 (sequence 2)
Language
German
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- 5 - Hingegen existiert eine Unmenge von Zwergbetrieben, kleinen und kleinsten Werkstätten, (nach den letzten statistischen Angaben etwa 500 000), wo beide, Meister und Gehilfen, mit den erbärmlichsten Bedingungen des Erwerbes und der Arbeit zu kämpfen haben. Zusammengepfercht in dem engen Rayon, hineingedrängt in den unbeschreiblich überfüllten Kreis erlaubter Erwerbstätigkeiten, ohne genügendes Kapital, ohne genügende technische Ausbildung, können sich in diesem furchtbaren Konkurrenzkampf die kleinen Meister und Unternehmer, wenn überhaupt, so nur dann behaupten, wenn sie die Ware zu den allerniedrigsten Preisen auf den Markt bringen, was unter anderem zu der weitestgehenden Ausbeutung der Arbeitskräfte geführt hat: Ein Arbeitstag von 17 bis 18 Stunden war in den 80 er Jahren keine Seltenheit, 14 bis 15 stündige Arbeitszeit die Regel — und das bei einem Lohn von 6 bis 10 Rubeln für einen Monat!*) Unter einem solchen Arbeitermaterial begannen die jungen Sozialdemokraten in Wilna ihre Propaganda. Zunächst gründeten sie Bildungsvereine, um den geistigen Horizont der Ghettomenschen in der ihren Zwecken angepaßten Richtung zu erweitern. Man unterrichtete die Arbeiter in der russischen Sprache und brachte ihnen Grundbegriffe der Geschichte, der Naturwissenschaften, der Geographie etc. bei. Das Hauptgewicht aber legte man auf die Unterweisung im Marxismus und in den sozialdemokratischen Theorien. In späteren Zeiten hat sich allerdings dieser Unterricht von den Elementarfächern fast ganz abimd der sozialdemokratischen Propaganda zugewendet und sich auch dabei auf die allerprimitivsten Darlegungen beschränkt; in den ersten Zeiten aber hat man es in der Ausbildung so weit gebracht, daß einzelne Arbeiter Marx in der Kautsky'schen Darstellung gelesen haben. Die Bildungsvereine entwickelten sich rasch und zählten bald einige Hundert mehr oder *) Den Meistern geht es nicht immer besser: Mir sind Fälie bekannt, wo die Arbeiter selbst zugaben, daß der Meister schlechter daran sei als sie, da sie noch keine Familie zu ernähren hätten und hei den Eltern wohnten. Nach der von der Jewish Colonisation Association (Ica) vor kurzem vorgenommenen Enquete, deren Ergebnisse als „Materialien zur ökonomischen Lage der Juden in Rußland" (Petersburg 1904. 2 Bände; russisch veröffentlicht sind beträgt der durchschnittliche Verdienst eines Meisters 4—5 Rubel wöchentlich und sinkt bis zum Minimum von 6—8 Rubeln pro Monat.; minder ausgebildeter und sozialistisch gesinnter I Mitglieder. Die Arbeiterschaft zeigte sich sehr I empfänglich für die neue Lehre, die Jugend be- | sonders nahm sie wie eine Offenbarung auf. | Abgesehen von dem allgemeinen Ansporn, der | in den Zukunftsverheißungen des Sozialismus I für alle Bedrückten liegt, war diese Jugend; durch ihre jüdisch-religiöse Erziehung besonders j prädestiniert für abstrakt-ethische Formulierungen \ und für soziale Gleichheitsideen. | Der erste Erfolg ermutigte die Führer, und : sie begannen an die Heranziehung weiterer Ar- : beiterkreise zu denken, um sie aus der Theorie heraus in den ökonomischen Kampf zu führen. Im Jahre 1888 wurde ^^'^^"^S^trikekasse unter den Stnimpfwh&^ihnen organisiert; bald darauf wurden von Miien die e r s t"eai\ S tr i k e s in primitiver Weiie.\ in Szene gfsetzt, und von da ab verlegte, Cman sich irmfier mehr auf die praktische" Agitation.^^I)ie zuerst sozialistisch ausgebildeten---^SB^r dienen als Vermittler zwischen neuem Anhang und der Führung. Die folgenden paar Jahre werden in der „bundistischen" Bewegung als die „Aera der Strikes" charakterisiert. Die erste Forderung, die die Arbeiter stellten und auch teilweise durchsetzten, war die Verkürzung der ungeheuerlichen Arbeitszeit. Der Erfolg dieser Strikebewegung war zu einem guten Teil dem vollständigen Mangel an Organisation unter den Meistern zuzuschreiben, die der organisierten Kraft der Gehilfen nichts 'gegenüber stellen konnten. Dazu kommt noch, daß die Behörden sich anfangs wenig um die jüdische Arbeiterbewegung kümmerten. Den ökonomischen Kampf sahen sie als intern-jüdische Streitigkeiten an, ja, sie traten sogar manchmal auf die Seite der Arbeiter, zumal diese ein verstaubtes Gesetz aus Katharinas II. Zeiten hervorholten, wonach der Arbeitstag im Handwerk auf 10 Stunden festgesetzt wird. Die Menge der Strikes und der Teilnehmer läßt sich für diese erste Periode nicht genau feststellen. Die „bundistischen" Schriften geben die Zahl der bis zum Jahre 1897 in den Wilnaer Strikekassen Organisierten auf 850 an. Zu Beginn der 90 er Jahre griff die Bewegung nach anderen Städten des Ansiedlungs

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