Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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man die jüdische Gesamtleistung in europäischen Ländern bewertet, wenn man bedenkt, daß die Leistungen der Juden auf manchen Gebieten beträchtlich, auf anderen verschwindend gering waren, so wird man sicherlich zu einer gut durchschnittlichen Gesamtbilanz kommen, Für Juden wie Nichtjuden finden sich allerdings politische und wirtschaftliche Zusammenbrüche in jedem Jahrhundert. Menschen mit seherischen Gaben, wie Goethe und Heine, haben den Juden „Tapferkeit" nachgerühmt, weil sie in vielen' Zusammenbrüchen den Mut nicht verloren haben. Seltsam kontrastiert zu den vielen verstiegenen Aeußerungen unserer reder frohen Gegenwart eine jüdische Aeußerung aus dem beginnenden 16. Jahrhundert: ,,Juden sind wir, und nicht besser als Juden". Die Fortsetzung des Gedankens: „aber auch nicht schlechter als Juden" blieb unausgesprochen, und gerade darin liegt die Tapferkeit. Das echte jüdische Selbst* bewußtsein äußert sich nicht hysterisch, und die Tapferkeit nicht wortreich. Auf dieser Tapferkeit im Aushalten beruht die Hoffnung auf eine jüdische Zukunft einzig und allein. Der anonyme, „unpolitische", den Parteiengen abholde Jude ist ihr Träger in Gegenwart und Zukunft, wie er es in der Vergangenheit war. Politische Betriebsamkeit verträgt sich mit seiner natürlichen Gemütsanlage nur, insoweit sie wurzelecht, nicht chauvinistisch und nicht übersteigert ist. Geistreiche und überhitzte Formulierungen können ihn zeit* weilig gefangennehmen, sind aber nicht wesentlich langbeiniger als wirkliche Lügen. Als das KJV vor einem halben Jahrhundert entstand, gab es noch gar keine jüdische Politik. Als es vor einem Vierteljahrhundert auf dem Höhepunkt stand, stand auch die Weltjudenheit relativ günstig da und vertrug jedes Maaß von Rekreationsmitteln. Mit dem heute zu verzeichnenden Niedergang des KJV — im Rahmen der allgemeinen Schwächung der Weltjudenheit — sieht die Sache anders aus. Heute ist es Zeit, daran zu erinnern, daß die Juden nur als das unpolitischste aller Völker als einziges die Jahrtausende überdauern honnten. ■ Nun wirst Du, eifrig redsamer Bundesbruder, vielleicht sagen: Mit dieser Erkenntnis wird man kein jüdisches Land aufbauen! Damit hättest Du ganz recht, wenn Du einen „Staatszionismus" als Selbstzweck ansähest, und Du hättest ganz Unrecht, wenn Du an eine Heimstätte denkst, die von der Sympathie von mindestens 12 Millionen Juden getragen sein muß, — wenn sie Bestand und Wert haben soll —, die in der Diaspora verharren werden, weil, sie dort verharren müssen. Wenn Du von einer politischen Uebergeschäftigkeit absiehst, die immer ein natürliches Mißtrauen bei dem in seine Alltagsnöte verstrickten anonymen jüdischen Bürgersmann erweckt, wirst Du Dir vielleicht ein Nebenpförtchen zu seinem jüdischen Herzen offenhalten. Wenn er fühlt, daß Du Dir weder über die Berechtigung von Esras Na* tionalpolitik vor 2500 Jahren noch über die nationale Zukunft in aber 100 Jahren den Kopf zerbrichst, sondern — etwa in Montefiorescher Spielart — eine unpolitische und eben darum kraftvolle Tätigkeit — auf welchem Lebensgebiet immer — entfaltest, dann wirst Du vielleicht sogar in den Haupteingang zu seinem Herzen einziehen können. Es ist der einzige Weg, den gemein-jüdischen Gedanken zu erhalten, der 1933 schon fast verloren war, der seitdem durch äußere Einwirkungen beträchtlich belebt wurde, und der doch einmal wieder in eine neue Gefahrenzone kommen wird. 239