Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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und bleiben wir noch Juden?" Weniger scheint es uns zu genügen, um das Vorbild eines heutigen Durchschnittsjuden zu entwerfen, — insbesondere solange es nirgends, auch nicht in Palästina, eine wirklich große, geschlossene, selbständige jüdische Gemeinschaft gibt. Trotz dieser Einwände ,halten wir uns — bei der tiefernsten Grundeinstellung des Aufsatzes und da uns Aufsätze und Briefe mit ähnlicher Tendenz in letzter Zeit aus Palästina mehrfach zugegangen sind — zur Unterdrückung derartiger Stimmen nicht für berechtigt. Die Bundesbrüder sollten sich überhaupt daran gewöhnen, auch in ihrem Kreise gelegentlich Meinungen anzuhören, die sie nicht teilen, — die sie vielleicht sogar für bedenklich halten. Präs. Die Aufgabe der nationalgeschichtlichen Erkenntnis ist das Bemühen, die eigene Wesensgrundlage zu erschließen. Wenn die Lebensgrundlagen so kompliziert sind wie bei den Juden, wenn dazu eine Fülle von echten und sentimentalen Gefühlserlebnissen, Gebräuchen, Lebensrealitäten s o altüberkommen und ihrer Herkunft nach undeutlich geworden ist wie bei den Juden, dann ist diese Erkenntnis sogar ein Stück Psychoanalyse, wie Schemarja Lewin in seiner seherischen Art gesagt hat. Wenn man sich um solche Erkenntnisse ernstlich bemüht, dann vergeht einem sehr bald die Lust an Klingeltönchen, wie man sie im Uebermaß der Vortrags-, Presse- und Diskussionsäußerungen unausgesetzt angestimmt hört. Vielleicht kann man das Leben des „Josephus" oder des „Sabbatai Zvi" mit einigem Recht so lange mischen, kneten und durch das Sieb einer raffinierten Allerweltsweisheit treiben, bis ein niedlicher Kuchen mit glattem Guß daraus wird. Aber bei aller Nationalgeschichte" und bei der jüdischen im besonderen gelingt das nicht. Sie läßt sich nicht einmal gesittet in kleinen Schlucken genießen, sondern nur in großen Brocken verschlingen, und wer es versucht, verfällt mitunter der Gefahr des Erstickungstodes, es sei denn, daß er bei „Caliban" eine Versicherung eingegangen ist. Das Bestreben, die jüdische Vergangenheit und Gegenwart — und was ist die Gegenwart von heute anderes als die Vergangenheit von morgen — gefällig und mundgerecht zu machen, ist begreiflich, aber zum wirklichen Verständnis wird die Verniedlichung nicht führen, bestenfalls zu einem der vielen Parteiprogramme, in denen allen ebensoviel Dichtung wie Wahrheit steckt. Umgekehrt: man muß in einen sehr sauren, aber auch sehr nahrhaften Apfel beißen und sich an eine Speise gewöhnen, deren eigentümlicher Wohlgeschmack einem erst nach vielem Bemühen fühlbar wird, — sofern man nicht den weit bequemeren Weg des Erkenntnisverzichtes vorzieht. Wozu das alles? Nun darum, um hinter den Bitternissen der Gegenwart, d. h. der Vergangenheit und der näheren Zukunft, den Wohlgeschmack ahnen zu lassen. Dazu ist zunächst von den Bitterkeiten zu sprechen. Man flieht vor ihnen aus natürlicher Bangigkeit. Entsinnt man sich nicht des leichtfertigen Optimismus der „Assimilanten"? Es war — wenigstens in Deutschland seit 1880— kein wahrer Optimismus, keine ,,lebensfrommeM Gläubigkeit, — obschon auch das gelegentlich vorkam — sondern eine ängstliche und meist kümmerliche Flucht vor einem klaren Urteil und seinen unbequemen Konsequenzen. Es ist mit manchen nationalen und religiösen Strömungen im Judentum nicht sehr viel anders beschaffen. Man könnte sie mit Namen nennen, aber vielleicht soll man das nicht, jedenfalls — braucht man es nicht. Von diesem Optimismus des Leichtsinns und seinen Nachteilen soll im folgenden die Rede sein. Warum nicht von seinen Vorteilen? Weil 234