Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
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schaftsverpflichtenden Religion für den Aufbau Palästinas. Wenn Renaissance des jüdischen Volkes und der Aufbau des jüdischen Landes den echten jüdischen Sinn verkörpern will, dann gehört dazu die Unterwerfung des totalen jüdischen Volkes unter die Totalität des jüdischen Gesetzes. Nach diesem Referat von Herrn Rabbiner Broch antwortete Bbr. Nussbaum und begründete in seiner Entgegnung seinen liberalreligiösen Standpunkt, Er ging von den Fehlern der letzten Jahrhunderte aus und illustrierte sie — an Hand Achad-Haamistischer Gedankengänge — als „Jahrhunderte ohne Zukunft" und „Jahrhunderte ohne Vergangenheit*'. Es gab im Judentum Zeiten, in denen die jüdische Generation die jüdische Vergangenheit konserviert sehen wollte, museumsmäßig schön geordnet, katalogisiert und systematisch eingeteilt, aber ohne Wunsch und Willen, aus dieser Vergangenheit eine Zukunft zu konstruieren. Es war dies die Ideologie des postemanzipatorischen Judentums im Westen Europas und auch der Hauptinhalt der Wissenschaft des Judentums. Der Zionismus fing mit einer neuen Generation und mit einer neuen Ideologie an. Diese neue Generation verlangte für sich und für das jüdische Volk eine Zukunft im eigenen Lande und vergaß dabei in der ersten Zeit, daß eine Zukunft nicht plötzlich aus der Erde gestampft werden kann, und daß es in der Entwicklung eines Voikes nie eine vergangenheitslose Zukunft geben kann. Wenn das Werk der Renaissance in unseren Tagen einer Verwirklichung entgegensieht, dann muß das Volk seine beiden Pole wieder erhalten. Es muß den Versuch machen, seine Zukunft nicht auf den Trümmern, aber auf den Fundamenten der Vergangenheit aufzurichten und hier sind wir beim springenden Punkt der Religion. Nun gab Nussbaum den Versuch einer Geschichtsphilosöphie des Zionismus. Er ging dabei von der Theorie der modernen Völkerpsychologie aus, daß jedes Volk ein nationales „Ich" besitzt und daß sich dieses „Ich" aus verschiedenen Elementen zusammensetzt. Wie in der organischen Chemie hat das „Ich" eines Volkes einen Urkern, der unteilbar ist, von dem man nicht sagen kann, woher er kommt, den man aber zu definieren vermag als das „substanzielle Atom" der Volkspsyche. Wenn man dieses Gesetz auf das jüdische Volk anwendet, so ist der Urkern dieses Volkes erwiesenermaßen das Vermögen des religiösen Erlebnisses. Viele Eigenschaften, die man heute dem jüdischen Volke zurechnet, können später hinzugekommen sein. Die Fähigkeit des religiösen Erlebnisses dagegen ist in der jüdischen Seele autochton. Als ein solches religiöses Volk lebte das Judentum auf diesem Boden, geschützt und isoliert durch Klima, Land und Erde. Als die Juden im Jahre 70 nach Christus Palästina verlassen mußten, war die Gefahr des Untergehens da, wie bei aiien anderen Völkern, die sonst ihren Boden verloren haben. Wenn ein Volk seinen Boden verliert, verliert es die Möglichkeit einer Konkretisierung seiner inneren Welt und geht unter. Es wäre beim jüdischen Volke dasselbe gewesen, wenn nicht das Paradoxale eingetreten wäre, das an Stelle des großen nationalen „Isolators", also an Stelle von Land und Boden Surrogate aufgetreten wären, Ersatzisolatoren, die ihm sein Leben — „als ob" — ermöglicht hätten. An Stelle des verloren gegangenen Bodens traten nämlich in der jüdischen Geschichte drei Faktoren auf: die geschlossene nationale Wirtschaft des Mittelalters, das jüdische Ghetto und die jüdische Religion. Der Handei im Mittelalter ersetzte die nationale Wirtschaft des Altertums. Das Ghetto ersetzte das abgeschlossene 206