Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bekenntnis zu Blumenfeld Von Walter Groß, Am 29, Mai d. J. haben wir den 50, Geburtstag Blumenfelds gefeiert. Die deutschen Zionisten pflanzten auf den Namen ihres Lehrers einen Hain von 1000 Bäumen in Erez Israel, Die „Jüdische Rundschau" brachte eine Festnummer zu seinen Ehren, und wir K.J.V.er hatten die Genugtuung, zu sehen, daß unter denen, die mit Artikeln gratulierten, eine stattliche Anzahl von Bundesbrüdern sich befand. Demnach wäre also eigentlich genug geschehen. Aber die Zeitschrift des K.J.V. kann an diesem Ereignis nicht schweigend vorübergehen; und wenn in der Rundschau überwiegend die Weggenossen sprachen, so sollen auch die zu Worte kommen, die vor Blumenfeld von allem Anfang an als Schüler hintraten. Als Schüler, denen das Glück zuteil wurde, mit ihrem Lehrer bundesbrüderlich sich verbunden fühlen zu dürfen, und die so von seinem Wesen mehr erfahren konnten als andere. Nicht darum kann es sich hier handeln, daß allerlei Histörchen und Kartelltags-Reminiszenizen, die dem Durchschnitt der Rundschauleser vielleicht nicht ganz verständlich wären, dem geduldigen Papier des „Jüd. Willen" überliefert werden sollen; die Behaglichkeit des Stammtisches ist nicht unsere Sache. Uns muß es darauf ankommen, einen Charakter zu erkennen. Blumenfelds Vater war in Marggrabowa, einer masurischen Kreisstadt, dann in Insterburg königlich preußischer Amtsrichter; sein Großvater war 1848 in der Revolutionszeit Erstchargierter der Raczeks, der ältesten Breslauer Burschenschaft. Zwei Generationen deutsch-jüdischen Akademikertums waren bereits vor ihm; das war damals im deutschen Judentum noch nicht allzu häufig, in Ostdeutschland war es selten. Man muß das wissen, um zu begreifen, was eigentlich postassimilatorischer Zionismus heißt. Blumenfelds Werdegang bedeutete den völligen Umbruch, die entschiedene Abkehr von dem, was durch Familientradition ihm vorgezeichnet war. Die; Assimilation mußte ihm noch stärker als anderen als der natürliche Weg des Lebens erscheinen; er aber ging diesen Weg, auf dem es vielleicht nur noch eine kleine Strecke bis zum Ziel gewesen wäre, nicht zu Ende, sondern begann, von der zionistischen Erkenntnis der Judenfrage ergriffen, den Weg zurück zu suchen; den Weg in eine Zukunft, die aus den erst wieder zu erringenden Mächten einer schon entfernten Vergangenheit zu gestalten war. Und dieses Beginnen gewann bald eine eigene Kraft, selbständiges Schwergewicht; es zog ihn hinweg von allen Pflichten des Alltags und machte ihn zu einem Menschen, der nach seinem Werke trachtete, und nicht nach den Erfordernissen des Herkommens. Das führte niemals zu Boheme oder zu jener bewußt egozentrischen Lebensführung, zu jenem so leichtfertigen Sich-Ueberlassen an die persönliche Stimmung, das wir aus der Biographie mancher deutscher Romantiker kennen; Blumenfelds Natur ist nicht die eines Friedrich Schlegel. Das Werk, das er bewältigen mußte, war ein politisches; das heißt, daß ein verpflichtendes Bewußtsein, dem Volke zu dienen, ihn leitete, daß, wenn er bestrebt war, seine Individualität zu entwickeln, er niemals vergaß, daß die Erfüllung der Persönlichkeit nur in der Arbeit für die nationale Aufgabe möglich ist. Blumenfeld ist kein Jurist; und auch ein geglücktes Referendarexamen hätte ihn nicht dazu gemacht. Ist schon der mißlungene Versuch dazu ein Beweis, daß er den Ordnungen der bürgerlichen jüdischen Assimilation aus seinem innersten Wesen heraus widerstrebte, so ist seine Geistesart überhaupt der Jurisprudenz, als einer an etwas Bestehendes unbedingt gefesselten Wissen- 96