Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 2. Jahr (1914)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 116 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wozu also die Verächtlichmachung eines Wortes, dessen echten Sinn man gar nicht ablehnt? Jugendkultur heißt doch nichts anderes, als eine 1. der Jugend gemäße, 2. nicht rohe oder halbgebildete (wie in jener kitschigen Singerei), sondern kultivierte Lebensführung der Jugend; wozu dann 3. noch der Wille zu einer in sich einheitlichen, also das ganze Leben der Jugend, auch ihre Arbeit, in sich begreifenden Lebensanschauung und Lebensrichtung kommt, die allerdings vorläufig nur ein Ideal, aber doch ein in sich notwendiges sind. „Wie machtens die Germanen und Griechen?" fragt der Verfasser. Sie „machtens" unter sich sehr verschieden, es ist auch nicht ersichtlich, an welche „Germanen" (ist er keiner?) er denkt; aber „die Griechen" als Kronzeugen gegen Jugendkultur anzuführen, wirkt doch etwas überraschend. „Wir erklären hiermit feierlichst in unseres Reiches Acht und Aberacht die, so mit „Kultur" stören unsern Bund." Wir respektieren durchaus das Hausrecht des Wandervogels in seinen eigenen Angelegenheiten; dennoch ließe sich schon jetzt über die Art, wie hie und da die hier angedrohte Ächtung in Praxis vollzogen worden ist, einiges sagen. Hier nur die Bitte an die Führer, dafür zu sorgen, daß die Verfolgung gewisser Überzeugungen in Dingen der Jugendkultur nicht um sich greifen möge. „Was wollen wir denn? Wandern. Das ist alles." Schreibt er in einem Aufsatz über das Landheim. Wenn „Wandern" alles wäre, wozu dann ein Landheim? Das Landheim ist ein Erzeugnis eigener Arbeit, darin liegt sein Wert. Dies Arbeiten ist kein Wandern, folgt auch nicht aus dem Wandern, sondern aus dem Bedürfnis der Jugend nach einem eigenen, tätigen, sinnvollen, ihr gemäßen, in sich geschlossenen Leben — aus dem Bedürfnis der Jugend nach Jugend-Kultur. „Jugendkultur ist das Geschwätz kranker Seelen"? Soll der Wandervogel von solchen Tribünen-Schlagern regiert werden? Jugendkultur ist eine bisher noch durch keinen besseren Ausdruck ersetzte Bezeichnung sehr ernster und ehrlicher Gedankenarbeit und Selbstzucht weiter Kreise der Jugend und ihrer Führer. Und Geschwätz ist der Name für oberflächliches, verständnisloses und verantwortungsloses Urteilen. Dr. G. Wyneken 116