Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 2. Jahr (1914)
- Issue
- Heft 2-3 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 83 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ich habe mich manchmal gefragt, warum Blühers Charakterschilderungen nicht voll befriedigen. Es mag in dem liegen, was Blüher selbst empfunden hat (Teil I, S. VIII): „Es ist eine mißliche Sache, über Menschen zu schreiben, die noch nicht gestorben sind." Die Erklärung macht er sich leicht —i wie auch sonst manchmal ein Schlagwort ihm für eine Erklärung herhalten muß —> er nimmt einfach die nächstliegende (die sicher auch oft das Richtige trifft): „Die Tatsache Leben läßt sich von der Tatsache Eitelkeit nie ganz trennen, und die wenigsten vermögen ihr auch nur für Stunden zu entsagen, und sind ihr oft am meisten ergeben, wenn sie allein sind/* Aber den tiefsten Grund für die empfundene Härte findet er damit nicht: es gibt eine Heiligkeit des Persönlichen, und wer davon deri Schleier wegzerrt, ist ein Lästerer des Lebens. Das empfinde ich, wenn Blüher Robert Lück schildert. Trotzdem zeigt Blüher im Erfassen der Persönlichkeiten denselben Künstlerblick wie sonst. Wie stehen sie da, die Urbachanten Wolf Meyen und Hans Breuer mit ihrem Kundenideal. Wie ist Hans Breuer erfaßt mit seinem Immer-wieder-weiter-müssen, und wie er damit den Wandervogel schließlich zu einer Kulturbewegung gemacht hat. Wie dann die Berliner Richtung aufkam, der „Kaufmann" Friese und die andern vielen. Sie waren „viele". Und dann ist es wie eine Stille: Willi Jansen kommt. Ich kann die Treue dieses Charakterbildes nicht beurteilen, aber es ist zu groß, als daß es unwahr sein könnte. Blüher, hab Dank für die Zeichnung dieses Menschen! — — Es ist Kunst in diesen Blicken. Aber das ganze ist ein Kampf. Man muß Stellung darin nehmen. Blüher hat tief dringestanden im Wandervogel und hat erlebt Er hat den Mut gehabt, darüber nachzudenken und zu sagen, was er dachte. Es ist mir fraglich, ob er alle Motive im Wandervogel getroffen hat, besonders in der späteren Entwicklung (warum z. B. wollte man an vielen Stellen die Mädchen eben doch mit haben auf die Fahrt?), aber die bestimmenden Motive, das romantische und die Freundschaft, hat er richtig gesehen. Und das ist eine so entscheidende Tat, weil gerade diese beiden Tendenzen die sind, die man nicht nennen durfte in der Öffentlichkeit, ja, die man sich selbst nicht eingestehen mochte. Blüher selbst meint nicht das letzte Wort mit seinen Büchern gesprochen zu haben, aber worauf es jetzt zuerst einmal ankommt, das ist die prinzipielle Frage: Hat die Jugend überhaupt das Recht, Jugend zu sein? Darf sie ihre eigenen Werte und Schwächen haben, oder muß sie sich nach den Maßstäben der Kultur ihrer Eltern richten? Anders gewendet: Soll es in Zukunft so bleiben, daß die Jugend im Kampf — offen oder heimlich — gegen die „Erziehungsfaktoren" Schule und Familie sich ihr eigenes Leben gestaltet, oder will die ältere Generation ihr vermeintliches Recht, über die Jugend zu herrschen — was in Wahrheit nur ein Un- 83