Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (März 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 345 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2709933-3186105-3186117--458-3186506- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mit einem Gefühl des Unbehagens das Schulhaus betritt. Anstatt daß ihm das Eindringen in den geheimnisvollen Zusammenhang des Naturgeschehens zu einer inneren Freude wird, anstatt daß er am Erleben der Wissenschaft sich hinaufbildet zu einer neuen Religion, zu einem neuen Stil des Lebens — gelangt er dazu, die edelsten Kulturgüter zu verachten, weil sie ihm niemals anders denn als toter Wissensbesitz gegenübertreten. Das ist die große Schuld der Schule, daß sie uns die besten Dinge wegnimmt, daß sie uns die edelsten Schätze mit ihrem Rost überzieht, daß sie uns den Willen zur absoluten Bejahung der Kultur — der neuen Kultur — verkümmert. Wir merken es ja auf Schritt und Tritt in der Jugendbewegung, wie machtlos wir in der Erziehung sind, weil uns die Schule das Beste weggenommen und verdorben hat. Über Wissenschaft, Technik, Kunst usw. können wir ja in den „Sprechsälen" gar nicht reden, weil wir sonst in kurzer Zeit wieder (den Stil des Alters nachtreten würden und bestenfalls zu akademischen Diskussionen gelangten. Wir haben ja dort keine Objekte, an denen wir die neue Lebensart erleben können. Es war die große Tat des „Wandervogels", daß er als solches Objekt das Wandern in der Natur aufgriff; das war von der Schule noch nicht verpfuscht, und da konnte er noch seinen neuen Stil entwickeln. Aber die unglücklichen Folgen dieses Auswegs sind nicht ausgeblieben: es gelang dem „Wandervogel" nicht, die geistigen Werte aus Wissenschaft und Kunst zu assimilieren, weil er sich vor ihnen fürchten mußte. Der Ausweg, den unsere „Sprechsäle" gewählt haben, trägt ebenso seine großen Gefahren in sich. Dort ist das Suchen nach der neuen Jugend selbst wieder zum Gegenstand geworden, über den man nachdenkt, philosophiert; und nun stehen wir vor der Gefahr, daß wir darüber das Erleben vergessen, daß wir von der Reflexion zum Gestalten des Lebens schreiten, anstatt es in seiner ursprünglichen Lebendigkeit in uns pulsieren zu fühlen und, allein den Instinkten folgend, es aus innerer Notwendigkeit zu gestalten. Wir wollen doch daran denken, daß die Schule uns dahin getrieben hat Und wir wollen immer wieder vor Augen haben, was sie an uns tut: daß sie uns knechtet — nicht so sehr durch die Auswüchse ihres Systems, als vielmehr durch das System selbst in seiner Wissensbejahung und Kulturverneinung.