Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (Dezember 1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 245 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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An der Tafel sind noch die verwischten Worte zu entziffern: Es wird weitergeschrieben I Der Lehrer kommt. Einer der unsrigen bittet den Lehrer, nicht weiterschreiben zu lassen. Die einen rufen: „Wir schreiben", die andern: „Nein". Der Lehrer ist unschlüssig. „Ich meine, wir wollen abstimmen." Ein Lächeln gleitet über die Gesichter der Gegner, sie wissen daß ihr Sieg nun ziemlich sicher ist. Noch lebt in ihnen jene Stunde, die — wenn auch in weniger heftiger Form — den Sieg der Betrüger brachte. Sollte die Lüge siegen? Abstimmung. Ein befreites Aufatmen, das den verhaltenen Schrei der Überraschung, der Freude birgt, wir haben gesiegt. Eine gute Mehrheit hat sich gefunden, die eine solche Lüge von sich weist. Die Minorität gibt den Kampf nicht auf. Kompromisse werden vorgeschlagen, die auf unsrer Seite nur heftiges Nein finden. Neue Abstimmung. Eine überwältigende Mehrheit hat sich für uns gefunden. Einige Begeisterte drücken mir glücklich die Hand, andere, weit entfernte, winken mir froh zu, in alier Augen spiegelt sich die Freude, das erhebende Bewußtsein, mit der Wahrheit für die Wahrheit gekämpft zu haben. Die Ehrlichkeit hatte gesiegt. — So heftig erregt jene Stunde war, so hat sie uns doch die Gewißheit gebracht, daß eine neue Schulgesinnung nicht unmöglich ist, und daß sie nur von uns zu erwarten ist. Da müssen alle Kräfte mithelfen. Hier wird mehr geleistet, wie jene vielen Bücher über diese Fragen zu erreichen vermögen. In mir brennt noch immer das Feuer jener Stunde, meine Hand hat beim Niederschreiben vor freudiger Erregung gezittert. Wem sollte da nicht warm werden! Zielbewußt wird daher unser Sprechsaal für sein großes Werk: den neuen Schulgeist, arbeiten können, zumal wir wahrscheinlich ein Geschäftszimmer erhalten werden und unsere Zahl immer wächst. Unsere Leute wollen in der nächsten Zeit über drei Fragen schreiben: Elternhaus, Schule, Erotik. Ich meine, dies sind die drei Fragen, die uns am meisten drücken. Wir werden vor allem unsere Kämpfe in der Schule für den neuen Schulgeist zeigen, werden unerschrocken an die schwere Frage des Elternhauses herantreten, und ohne Scheu werden wir von jugendlicher Erotik sprechen, wir, die wir noch halb in den Jugendschuhen stecken. Uns sollen die Angriffe der Träger der „Moral" nicht abhalten, offen und freimütig von dieser schwersten, tiefgehendsten Frage zu sprechen, denn sie ist uns eine Lebensfrage. 245