Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 9 Jahrgang = Jahr 5611 (1850)
- Date
- 1850-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 127)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Rückblick auf die konnten. Ebenso schlug die Erwartung fehl, daß das Landvolk sich zu Gunsten der bedrohten Hauptstadt erheben werde. Anstatt eines demokratischen Heeres aus Deutschland trafen am 17. Okt. vier Sendboten der Linken in Frankfurt: Blum, Fröbel, Tram pusch und der jüdische Dichter Hartman aus Prag, in Wien ein, von denen zwar der Erstere die Aufregung durch äußerst heftige Reden steigerte, damit aber nur seine Person und die Sache, der er diente, gleichmäßig gefährdete. In ihrer Bedrängniß richtete die Hauptstadt, welche durch herbeigezogene Truppen täglich enger emgeschlossen wurde, ihre Blicke hoffnungsvoll nach Ungarn. Oft getäuscht, bethörte der Ruf: „die Ungarn kommen!" doch immer wieder gläubige Seelen. Am 19. Oktober traf Feldmarschall Fürst Windischgrätz mit umfassenden Vollmachten im Feldlager vor Wien ein, erklärte von Lundenburg aus Wien und seine Umgebung in Belagerungszustand und forderte in strengem drohenden Tone zur Unterwerfung auf. Die deutschen Reichsbevollmächtigten W e l ck er und Mösle, welche am 21. Oktober bis vor die unglückliche Stadt kamen , richteten nach keiner Seite hin etwas aus. Der Reichstag in Wien sprach dem Fürsten Windischgrätz das Recht, zu den von ihm angeordneten Maßregeln a b! Die wachsende Gefahr vermehrte den Eifer der Wiener, aber auch ihre Verwirrung — während der kaiserliche Feldherr die Stadt mit seinem auf mehr als 100,000 Streiter angewachsenen Heere umschloß. Er verlangte in einer zweiten Proclamation die Auslieferung Berns, Pulszkis, Schüttes und der Mörder Latours. Der Gemeinderath und die Anführer der bewaffneten Macht wiesen den Vorschlag zurück und so dauerten die Feindseligkeiten an den äußern Verschanzungen der Stadt fort, wobeijedoch die Truppen blos vertheidigungsweise verfuhren, während in Wien eine Schreckensherrschaft eintrat. Zwar war der vierte Theil der Bevölkerung geflohen, aber Verhältnisse mannichfacher Art hatten viele in der Hauptstadt zurückgehalten, die dem Aufstande fremd bleiben wollten; gegen die sich aber nun eine zügellose Gewalt richtete, welche Leben und Eigenthum bedrohte.