Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 6 Jahrgang = Jahr (1848) 5608 (1847)
- Date
- 1847-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 119)
- Language
- German
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H6 Briefe aus Galizien. schen dem ritterlichen Grundadel und dem erbunterthänigen Landmanne gelassen wurde, und in welchem er auf keinen Nebenbuhler stieß, fehlten ihm überdies Ermunterung, Wettciser und Vorbilder in seiner Thätigkeit. Er fühlte weniger den meistens aus Brodneid hervorgehenden Haß, aber desto tiefer die zermalmende Verachtung, deren er sich wieder bei Gelegenheit auf Kosten Anderer zu entladen suchte. Die allgemeinen polnischen Zustände spiegelten sich treulich in den Judengemeinden ab. Wer es nur einigermaßen vermochte, spielte den adeligen Herrn, sich mit Prunk und Glanz und unterthänigen Dienern umgebend. Die Arbeit wurde denen überlassen, die keine andere Wahl hatten, falls sie nicht Hungers sterben wollten, und machte des jüdischen Adels verlustig. Die Handwerksmeister, die in den deutschen Städten, in Zünflen vereint, eine respektable Macht darfteltten, und das Gemeinwesen regierten, bildeten hier, wo freie Arbeit unbekannt war, und bilden noch unter den Juden die unterste Volksklasse.*) Wer hat sich denn bisher einer Profession gewidmet? Eine verlorene Seele, die anderswo keine Aufnahme finden konnte, ein ver- -nachlässigter Bursche aus der Hefe des Volkes, der um das liebe Brod dem Meister auf einige Jahre verkauft wurde. Hatte er diese Plagejahre ausgehalten, und zufällig etwas gelernt, und zum brauchbaren Gesellen sich gebildet, so säumte er nicht sich nach einem Ehegespons umzusehen, um das erste Gebot der Schrift (!מצות פריה ורביד) zu erfüllen. Er durfte natürlich seine Ansprüche nicht hoch stellen, und das Heirathsgut ist bald aufgezehrt, oder richtiger es verzehrt ein hübsches Sümmchen, da es -') Wenn auch bei den deutschen Juden,das Handwerk sich noch immer nicht der gebührenden Werthschätzung erfreut, so mochte ich dies ebenfalls dem Einfluß zuschreiben, den Polen so lange durch seine Rabbiner und Talmudlehrer auf alle Juden deutscher Zunge geübt. Dagegen verdankt ihm auch Deutschland eine gewisse formelle Verstandesbildunq und Aufgewecktheit, die, aus dem schwindelnden Pilpul hervorgegangen, in neuerer Zeit den wissenschaftlichen Studien zu gute gekommen, wie denn auch die Morgenrothe der Aufklärung unter den Juden im Mendelssohn'schen Zeitalter zum Theil von polnischen Geistern herbei geführt wurde, und in Gegenden aufging, die von Polen am meisten influenzirt wurden.