Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 6 Jahrgang = Jahr (1848) 5608 (1847)
- Date
- 1847-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 116)
- Language
- German
- Belongs to
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63 V. Sie möchten wissen, mein Theurer, welche Bedeutung die neuerlich wieder so oft beregte Frage, „ob deutsch oder polnisch/ für uns Juden und unsere Verhältnisse habe? Eine äußerst gewichtige und vielseitige, glaube ich, obwohl sie noch nicht allgemein erkannt und begriffen wird, und ich vor der Hand auch nur einige Seiten dieser Frage berühren kann. Gewöhnlich nennt man „Deutsche" diejenigen, welche die auszeichnende polnisch-jüdische Kleidung (deren Träger schlechtweg Juden heißen) abgelegt, und die allgemeine im zivilistrten Europa herrschende Modetracht angenommen haben. Diese äußere Umwandlung (die Kleideremanzipation in Brody genannt) ist unläugbar der erste Schritt zur Ablegung des separatistischen Wesens und zum Anschlüße an die gebildete europäische Völkerfamilie Ln Leben und Gesittung; aber etwas speciell Deutsches kann ich darin unmöglicherblicken. Dieser Anschluß gibt vielmehr offenbar dem Einflüße der vorherrschenden Bevölkerung des Landes, die überwiegend polnisch ist, größern und freiern Spielraum. In den sogenannten deutschen Häusern ersten Ranges tritt auch das Streben, dem polnischen Adel nachzuahmen, unmaskirter hervor, und ist das Polnische wenigstens Sprache der Kinder, deren Lehrmeister die christlichen Dienstboten. Nimmt man die Sprache zum Maßstäb, so darf man die Juden durchweg als Deutsche betrachten. Daß sie einen eigenen mit hebräischen und slavischen Wörtern reichlich gespickten Dialekt sprechen, ist sehr natürlich und ihnen gewiß noch eher nachzusehen, als den mitten in Deutschland wohnenden. Merkwürdig bleibt es jedenfalls, daß sie nach einem mehr als 700 jährigen ununterbrochenen Aufenthalte unter rein slavischen Völkerschaften den alten Idiom beibehielten, und es dürste davon aus eine besondere Vorliebe zunr Deutschthum zu schließen sein. Ich erkläre es mir daraus, daß die Juden bis zu den Kreuzzügen mit dem deutschen Volke (nicht abgeschnitten von beiden Seiten und die in der bürgerlichen Gesellschaft leer gelassenen