Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 6 Jahrgang = Jahr (1848) 5608 (1847)
- Date
- 1847-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 113)
- Language
- German
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60 Briefe aus Galizien. Tage gefördert, viel Wehen und Geschrei gemacht und umsonst die Leute aus der süßen Ruhe gestört. Darum hört man auch so oft die Klage: ויוסיף דעת יוסיף מכאוב, und läßt mancher Vater, dem die Augen aufgegangen, seine Kinder in paradiesischer Unschuld aufwachsen. sie vom Baume der Erkenntniß fern haltend. Dieser innere Zwiespalt, Mangel an Strebsamkeit, Unternehmungsgeisi und praktischer Tüchtigkeit auf der einen, und innere Regsamkeit, Verstandesschärfe und mannigfaches Wissen auf der andern Seite, kann uns jedoch nicht befremden, wenn wir wissen, wie die jungen Leute in den wohlhabenden Familien ihre besten Jahre verleben. Die Zeit des Erwachens zum Bewußtsein, wo der junge Mensch sich selbst zu fühlen und zu bestimmen anfängt, wo eine Welt seinem Geiste sich aufthut, Ln der er sich einen Platz zu suchen hat, wo sein Denken, Wollen und Streben eine ernsthaftere Richtung nimmt, die für das ganze Leben entscheidend wird, diese schöne Zeit findet ihn schon in Fesseln, die, wenn auch von Gold, ihn doch der Freiheit berauben. Die einfache aber bedeutungsvolle Frage: ״Was soll, was wird aus dir werdend" eristirtfürihn nicht. Die süße Schwärmerei, dre von Thaten träumend (man müßte denn lrterarische, richtiger papierne Erfolge dafür nehmen) eine glänzende Heldenbahn sich ausmalt und von der im nüchternen Zustande eine nachhaltige Begeisterung für das Gute und Schöne zurückbleibt, bleibt dem Jüngling fern, der sich nie als solcher kennen lernt. Er ist so lange ein Kind, bis er ein von Sorgen gebeugter Familienvater wird. Zu 15 — 16 Jahren (ehemals noch früher) verheiratet, bei den Aeltern oder Schwiegerälterrr, die für all seine Bedürfnisse sorgen, auf Kost — wie der bezeichnende Ausdruck lautet — Ijat er ungestörte Muße Verschiedenes zu lernen, sich mit Kenntnissen zu bereichern und seinen Verstand auszubilden, (während in der Kindheit fast ausschließlich talmudische Studien betrieben werden). Lektüre, die meistens vom Zufall abhängt, ist das Hauptbildungsmittel, und da ein würdiges Ziel und überhaupt eine praktische Anwendüng fehlt, so wird klare Erkenntniß selten erstrebt und noch