Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 5 Jahrgang = Jahr (1847) 5607 (1846)
- Date
- 1846-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 192)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-3184084--1300-3185411- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
166 Ein gefundner Brief. das Rezepts wie man sich auf Bällen zu benehmen habe, in Joseph Dacosta's Iraotullo äe Cortesia^ Arnsterdam 1726 in Sedez, Kap. 14finden. Freilich sind wir auch zu mancher Betrachtung gar nicht gekommen: zu den Nachschriften des Besuchs. Der Reiz des frisch Erzeugten verdrängte Altes, längst Aufgehobenes, unb einen Gegenstand, der nur weil er uns nicht neu war, unerörtert blieb, weckte erst Dein jüngster Brief. Dich befremdet, daß selbst in unserer großen Stadt unter den Juden so große Unwissenheit über die Männer herrscht, welche die Zierden und die Träger ihrer Geschichte sind; gerade unter der gebildeten Klasse ist von dem Leben und Wirken bedeutender jüdischer Persönlichkeiten so gut als Nichts bekannt, und von Maimonides und Mendelssohn weiß man nur, weil es europäische Namen sind. Ich könnte Dir entgegnen, daß einer großen Stadt auch eine große Unwissenheit gebühre; allein ich habe auch eine ernsthafte Antwort. Volkszahl, Bildung stehen nicht im gleichem Größenverhältniß mit Wärme und Interesse, und der Mangel an Kenntniß hat zunächst in einem sittlichen Mangel, in der Gleichgültigkeit und dem Dünkel, seinen Grund; seine Wirkung, die vorgefaßte Meinung und das falsche Urtheil, wird also ein wirkliches Gebrechen des Verstandes, und die Kultur M diesem Punkte zur Scheinkultur. Alles Interesse aber an Geschichte und geschichtlichen Personen wurzelt in der Liebe zu einem Gedanken in der Bewunderung von Thaten: in jener, in der Liebe, finden wir uns wieder als Glieder eines derselben Idee zugethanen Ganzen; diese aber, die gepriesenen Thaten, ziehen uns zu einer fremden Persönlichkeit, als zu einer höhern hin. In Beide theilen sich die Bestandtheile der Geschichte: die Gestaltungen und die Individuen, und zwar so, daß Beiden beide Empfindungen zu Gute kommen. In dem Allgemeinen, welches das Abstrakte ist, erblicken wir uns selbst; in den kolossalen Schriftzügen der Geschichte lesen wir unsere eigenen Leiden, unser eigenes Streben und Leben; indem Leben der Individuen finden wir die sittliche That, das von uns nach uns selbst Gemessene und daher Bewunderte.