Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 5 Jahrgang = Jahr (1847) 5607 (1846)
- Date
- 1846-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 169)
- Language
- German
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142 Skizze einer Geschichte gen mögen genügen, um vorläufig den Begriff vom Wesen dieser Richtung zu bestimmen. Gegenüber dem Rabbinismus und dem daraus entwickelten Chassidismus, beides nach seinem innern Wesen betrachtet, hat der Karai'smus eine gewisse Starrheit. Seine Philosophie ist nur die des Verstandes und ihr Stoff ist durch die heil. Schrift beschränkt, deren ethische Beispiele sogar keine gerechte Kritik erleiden dürfen. Sein Glaube ist eigentlich nur die Ueb ernahme von Pflichten, und seine Bestimmung, diese zu ermitteln und ohne Ausweg oder Umschweif zu erfüllen. Daher beständige Klage über die Verhältnisse, welche die Erkenntniß und noch mehr die Erfüllung der Pflichten, nicht zulassen. Der Rabbinismus hingegen überläßt sich weit mehr der Phantasie. Die Geschichte ist ihm nicht ein starres Herkommen, und das Gesetz nicht bloß einer juridischen Deutung unterworfen, sondern jene beherrscht bereits diese in der Art, daß die Gesetze auch unter andern Verhältnissen, dem Geiste und zugleich dem Worte nach, ihre Anwendung finden. Die Philosophie desselben wagt sich ungern an die innern Fragen des Glaubens, jeder Skepticismus ist ihm schon ein halber Abfall, nur den höchst befähigten Schülern gestattet er eine tiefere Untersuchung seiner Theosophie und Kosmologie; dagegen öffnet er die Pforten seines geistigen Reiches für unzählige Gebilde der Phantasie, welche ein eigenthümliches Leben hineinbringen, das eine freudige Entschädigung gewährt für den Jammer dieser Welt. Der Rabbanit singt, während der Karaitseufzt. — Seine Gesetzlichkeit beruhigt ihn, während dieser stets sich bewußt ist, dem Gesetze nicht zu genügen. Der Rabbanit verläßt sich aufseinen Gewährsmann, der Kara'it ist auf sich selbst angewiesen. Jener glaubt; dieser untersucht. In gesteigerterm Grade lebt der Chassidismus in der Phantasiewelt; die Unmittelbarkeit des Glaubens wird hier zur Ekstase. Alles Aeußerliche, Wortlaut, Gesetz, Gebrauch , selbst das irdische Leben, alles wird da Symbol, alles hat religiöse Bedeutung, und was diese nicht hat, verliert für ihn jeden Werth. Daher die unendliche religiöse Freudigkeit des Chassidismus selbst