Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 5 Jahrgang = Jahr (1847) 5607 (1846)
- Date
- 1846-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 140)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-3184084--1248-3185359- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Ghetto in Rom. 111 Bild mit anzusehen, braucht man übrigens nicht einmal nach Rom zu wandern. Der Engländer und Franzose aber, der nach Italien wandert, und nach Merkwürdigkeiten jagt, dürste einen Besuch des Ghetto, oder einen unglücklichen Juden, der an ihm bei seiner Wanderung durch die Ruinen vorbeieilt, auch wohl zu den Reisemerkwürdigkeiten zählen; das wird er in seiner Heimat auch nicht wiederstnden. Wir haben eben die Ruinen des alten Roms durchwandert, bevor wir das Ghetto betreten. Wir sind an dem Triumphbogen des Titus gestanden, den die Römer ihrem Kaiser für die Zerstörung Jerusalems erbauten. Wir sehen noch die Heiligthümer des Tempels von Künstlerhand in Stein gehauen, die Wände des Triumphbogens zieren. Und seit jenem Tage, an dem das letzte Häuflein gottvertrauend aus der rauchenden Stadt hinauszog in die fremde Welt, zog ein Geist des Haffes hinter ihm her, und schwang seine Geißel hinter ihm, und noch immer zieht es seinen Weg, und das Weltgeschick, das Völker vernichtete, die die Welt erobert, hat es erhalten. Und seit der Zeit, daß das siegende Römerheer mit seinem Kaiser an der Spitze durch jenen Bogen zog, ragt er unversehrt empor, und das Weltgeschick, das jenes Siegervolk und so viele seiner ungeheuren Werke vernichtete, hat ihn erhalten. Was wohl einer der Unglücklichen denken mag, wenn er so oft vorbeizieht an dem Denkmal seiner Schmach, das wie ein Gränzstein zwischen den Jahrhunderten steht, zwischen der glücklichen Vergangenheit seiner Väter und seiner eigenen trostlosen Gegenwart? Und wer weiß es? Er geht vielleicht gleichgültig dran vorbei, weiß nicht, was es für eine Bedeutung für ihn hat, steht es an wie jede andere der alten Ruinen, an denen und auf denen seine Hütten stehen. Und er kehrt schweigend wieder zurück in sein Ghetto. Und was ist das weiter als eine Ruine? Eine Ruine, die unveränderlich seit Jahrhunderten dasteht, indeß überall in allen Gauen Europas die Zeit die alten Wohnstätten des Elends hat umgerissen; eine Ruine unter den Ruinen, an der der Geist des Jahrhunderts nicht ist vorbeigezogen bei seiner Wanderung über die Erde; eine Ruine, die einst auch wird zusammenfallen in *