Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 4 Jahrgang = Jahr 5606 (1845)
- Date
- 1845-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 270)
- Language
- German
- Belongs to
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Ephraim Neubl. 201 Der Jude schwieg erschüttert, während die Alte sortfuhr: „Soll ein gar heillos Blut gewesen sein, der junge Geschlechter und manch böse That auf dem Gewissen haben. Nun, der Herrgott kennt seine Leute und wird schon wissen warum er ihn abgerufen hat." „Seid bedankt, Mutter," sagte Ephraim und schritt weiter. Da er bemerkte, wie beim Helten Schein der Lichter manch argwöhnischer Blick auf seintn Kaftan fiel, welcher den Juden verrieth so nahm er das Zeichen heraus, welches er als Neophit zu tragen berechtigt war, und das aus einem gelben Kreuz bestand. So gelangte er zum Dom von St. Stephan; festlich war die Kirche geschmückt, frische Bluuren wanden sich um die gothischen Säulen, die goldenen Leuchter schimmerten vom Glanze unzähliger Festkerzen und über die Häupter der gläubigen Menge hin brausten die majestätischen Klänge der Orgel, zogen die duftigen Wolken des Weihrauchs. Auch der Jude stellte sich unter die Betenden, die ihn halb neugierig, halb mißtrauisch betrachteten. Immer voller und voller ward die Kirche. Die Leute die um Ephraim her standen, waren aus den untersten Volkskassen, Arbeiter, Gesellen und vom Lande hereingeströmtes Bauernvolk; alle harrten in schweigender Andacht dem Hochamte entgegen, welches in der Mitternachtsstunde zu Ehren der Geburt des Heilands gefeiert wird. Weit geöffnet waren alte Thore, selbst das sogenannte Riesenthor, welches nur bei feierlichen Veranlassungen geöffnet wird, sperrte weit auf seine gewaltigen Flügel und ließ die Volksmenge ein, welche immer wachsend herbeiströmte. Endlich hallte vom Thurme der zwölfte Stundenschlag und im selben Augenblicke ward die Mette eröffnet. Im reichsten Ornate erschien der Bischof am Hochaltäre, gefolgt von Archidiaconen und Diaconen, und das heilige Hochamt begann. Auf die Knie sank das Volk; nur der Jude stand aufrecht, er wollte nicht knieen in dem fremden Gotteshause. „Nieder, nieder," murrte die Menge. Der Jude sah, daß seine Stunde gekommen; eine ingrimmige Angst verzehrte ihn, es schien als legte sich des Domes Decke auf ihn, und wolle ihn erdrücken. Immer lauter und lauter murrte die