Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 4 Jahrgang = Jahr 5606 (1845)
- Date
- 1845-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 181)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-3184082--0982-3185092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
112 Das hohe Lied. Erster Brief. Warum habe ich vor Ihrer Abreise Ihre Neugier rege gemacht? Dafür sitze ich nun, während ich Ihnen so gern draußen im Grünen meine Liebe erklärte, in der dumpfen Stube, Ihnen Salomo's Liebe zu erklären. Und doch nicht blos Ihr gebieterisches „ich bitte schön" — so mächtig es auch ist — fesselt mich im schönen Mai an das Buch, auch das Lied selbst, das ich Ihnen erklären soll, dies Lied der Lieder, wie es mit Recht heißt, aus dem ein frischer, erquickender Lenzeshauch mich anweht, in dem es mait und duftet, wie draußen. Könnte ich nur Alles so unmittelbar und lebendig, wie ich es jetzt anschaue, da die warme Fruhlingssonne auf die vergilbten Blätter scheint. Ihnen überliefern! Fürchten sie keine gelehrten Anmerkungen Don mir; nicht, daß ich, nach Ihrem Ausdruck, Ihnen den Genuß des Honigs durch eine lange Abhandlung über sein Entstehen , seine Bestandteile u. s. w. verleide. Ich hasse die gelehrten Kommentatoren meist ebenso, wie den alten den Professor der Zoologie, der uns den Blüthenstaub auf den Schwingen der Sommervögcl erklärte, indem er ihn mit den Worten: „diese glänzenden Farben sind eigentlich dachziegelförmig über einander liegende Schuppen/' — abwischte. Doch ich darf nicht spotten; nur zu wohl weiß ich, daß ich, wie der alte X, bei meiner Uebertragung des Liedes den duftigen Blüthenstaub wohl größtentheils verwischt. Und wie viel habe ich nun noch unbewußt verwischt, indem ich den uns unbekannten Rhythmus des Originals durch wechselnde Maße und durch Reim zu ersehen sucht. Da ich das weiß und fühle, dürfen Sie um so sicherer vor gelehrten Anmerkungen sein. Aber, nachdem ich Ihnen den ersten Abschnitt des Idylls mitgetheilrdarf ich wohl, — was ich so gern mündlich thäte! — schriftlich mit ihnen darüber plaudern und durch einige Bemerkungen uns minder geläufige und ferner liegende, orientalische Anschauungen näher rücken; denn Sie wissen: Wer das Dichten will verstehen. Muß in's Land der Dichtung gehen. Wer den Dichter will verstehen. Muß in Dichters Lande gehen. Also schnell! folgen Sie dem Dichter, der Sie auf Flügeln des Gesanges in den Orient tragt: Sehen Sie dort die ländliche, sonngebräunte Schöne in Liebesgedanken vertieft stehen? Sie erinnert sich liebebeselig an