Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 4 Jahrgang = Jahr 5606 (1845)
- Date
- 1845-01-01
- Page
- – (sequence 176)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Meinem Freunde Heinrich Bernhard Oppenheim in Heidelberg. Lieber Heinrich! Die unausgesetzte Beschäftigung mit der neugriechischen Volkspoesie — von der ich durch die wetteifernde Bemühung befreundeter Griechen höchst interessante und charakteristische Proben in nicht unbedeutender Anzahl schon wieder erhalten und übersetzt habe -— hat mich fast unbemerkt und ohne meine Absicht zur orientalischen Poesie überhaupt geführt. Was war da natürlicher, als daß ich mein altes Lieblingslied, das hohe Lied des königlichen Sängers, wieder vornahm? — Ich weiß es noch wie heute, wie ich als Knabe in der Bibel die Schöpfungsgeschichte Nachlesen sollte von demlollu wabohu und wie ich da lieber geblättert und im hohen Liede gelesen, gleich als hätte ich schon damals die tiefe Mythe geahnt von Eros, der die Eris überwältigt; von der Liebe, die das Chaos geordnet. — Und ich las eifrig fort und mein Lehrer trat zu mir und sprach : „was liefst Du? " — und ich antwortete: „ich lese von den Zwiltingsrehen, die unter Rosen weiden. " —- Entsetzt schlug mir der Mann die Bibel vor der Nase zu und stellte sie in's oberste Fach des Bücherschranks und von da ab lernte ich biblische Geschichte nach einem Auszug — ich glaube von Hübner. —- Der gute Mann hätte mich ruhig weiter lesen lassen können! Wie man sich wohl eines lieblichen Räthsels freut, dessen Sinn man nur halb ahnt; so freute ich mich an dem Bilde. Ein Zwillingspaar von Rehen, dre unter Rosen weiden, — das war meiner Phantasie genug, ohne daß es ihr eben etwas noch hätte bedeuten müssen. So viel weiß ich, das liebliche Bild hat mich seitdem fast immer begleitet; noch heute kann — ganz abgesehen von seiner Bedeutung — ich mir nichts Lieblicheres denken und gerade, wenn ein liebes, unschuldiges Kind mich bäte, ihm ein Mährchen zu erzählen.