Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 4 Jahrgang = Jahr 5606 (1845)
- Date
- 1845-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 162)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Bilder und Gleichnisse. lind Gamaliel antwortete und sprach: Wie ich an die wohlthätige Wärme denke, die das Feuer verbreitet, denke ich zugleich an die himmlische Lehre der Religion, wie sie selbst die kältesten Gemüther heilsam erwärmt, und wie das Eis des Hasses und der Feindseligkeit ältmälig zum Schmelzen gebracht wird, sobald die Herzen der Menschen von den Gluthen der göttlichen Religion erwärmt werden. Also sprach mit kindlicher Einsalt der Jüngling, und der Vater sah ihm mit tiefgefühlter Freude ins Auge und sprach zu ihm nach einer Pause: Ach, wenn doch alle Menschen so denken möchten, und von je her so gedacht hätten, dann hätte das Feuer der Religion nur wohlthätig und nicht auch zerstörend gewirkt. Und der Vater seufzte tief und aus seinem Auge flössen Thränen. Was ist dir, Vater? fragte Gamali el. Warum seufzest und weinest du. Hast du es vergessen, Gamaliel, was die Geschichten uns erzählen von den Menschen und Völkern, die sich würgten und verfolgten des Glaubens wegen. Wie sie Jahrzehende hindurch die blutigsten Kriege führten, und das Schwert nicht in die Scheide brachten—der Religon wegen. Ach, auch hierin ist die Gotteslehre dem Feuer vergleichbar, das sehr sorgfältig bewacht und bezähmt werden muß, wenn es nicht Unheil und Verderben erzeugen soll. Auch die Religion muß mit weiser Umsicht gepflegt werden, wenn ihr Feuer eine wohlthätige Flamme bleiben soll. Unbewacht kann ihre Gluth wüthende Schwärmer bilden, die des Bruvers Wohnung anzünden und des Greises eben so wenig verschonen, wie des Säuglings an dem Busen der Mutter. Und Gamaliel schrieb sich diese Worte tief ins Herz, und als er selbst ein berühmter Lehrer wurde in Israel, blieb er, trotz seines frommen Wirkens für den Herrn, stets sanft und steundlich gegen alle Menschen; nie eiferte er gegen die, so eines andern Glaubens waren; er war liebreich und duldsam — und seine Lehre hatte immerdar eine wohlthätige Wärme verbreitet.