Mannheim
Compact Memory

Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1843-01-01 · 2. Jahrgang = Jahr 5604 (1843-1844) (1843) · p. Seite 163

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
2. Jahrgang = Jahr 5604 (1843-1844) (1843)
Date
1843-01-01
Page
Seite 163 (sequence 157)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2609281-3184078--0405-3184513
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die Gespenster seiner Jugend als Bekannte und darum als Freunde umarmt hätte. Den zweiten Abend nach Empfang des Briefes fuhr der Doktor Eichberger in das Städtchen seiner Geburt ein. Er fühlte sich tief ergriffen beim Anblicke des wohlbekannten nieder« Thores, über welchem ein steinerner Löwe, der wie ein Hund aussah, die Zunge reckte; fast wunderte er sich, daß die kleinen Häuser in so vielen Jahren nicht gewachsen, und als vollends die alte schwarze Stadtkirche in ihrer ganzen Glorie sichtbar ward, und von ihrem baufälligen Thurme die kleinen Glocken im reinsten Diskant tönten, traten ihm die Hellen Thränen in die Augen. Auf die Frage, die des Doktors immer reger Verstand an sein Herz wegen dessen rätselhaften Wallungen richtete, antwortete er sich folgendermaßen: „Das ist das peinliche Gefühl menschlicher Ohnmacht beim ewigen Schwinden der Gegenwart, welches sich in ein wehmüthig freudiges kehrt, wenn sich die Gräber verschollener Tage öffnen, und einen antidiluvischen Thierknochen, oder eine antike Vase, oder einen eisernen Römerring wieder dem Lichte geben. Selbst meinen weisen und zufriedenen Freund konnten zehn Kometenschweife nicht so sehr erfreuen, als der Anblick einer blonden, dürren Locke aus seinen Jugendjahren." In dieser weichen versöhnlichen Stimmung trat Jsak Eich b erg er in das HauS seines Vaters. Er hatte sich durch die bereits dunkelnden Straßen mit einer Sicherheit gefunden, als hätte er sie nur eben so viele Tage als Jahre verlassen. Die Hausabtheilung seines Vaters fand er verschlossen, und auf sein ungeduldiges Pochen krächzte eine verdrießliche Stimme hinter ihm: „Wen sucht ihr hier?" Jsak wandte sich erschrocken um, und erblickte in der Thürlucke gegenüber das runzlige Gesicht eines alten Weibes, das auf dem Rumpfe einer Parze hätte sihen dürfen. — „Herr Jeremias Eichberger wohnt doch noch hier?" fragte er mit der beklommenen Stimme böser Ahnung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.