Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 303 (sequence 338)
- Language
- German
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303 trefflichen Artikel von H. Jos. Werth e im er. In Bezug auf religiösen Fortschritt haben wir leider nur sehr bedauerliche Erscheinungen zu regrftriren. Der öffentliche Kultus hat seit 40 Jahre» keine einzige Veränderung erlitten., und sind vie in den Chortempeln bestehenden Reformen leidige Transaktionen, halbe Maßregeln, die den gebildeten Juden nicht befriedigen und den ungebildeten tief verletzen. Dazu kommt, daß die meisten gut gebildeten Israeliten von einem tätlichen JndifferentiSmuS heimgesucht sind, der sie der Lethargie zuführt, während der sehr rührige Zelotismus alle Hebel in Bewegung setzt, um sein System zum Herrschenden zu machen. In Ungarn wurde von einem Rabbinerconzil selbst das Erlernen einer nichthebräischen Sprache als Sünde, jede Synagoge mit Choralgesang als Götzentempel bezeichnet, allerlei wilde Gesellen treten mit vandalijcher Wuth jeden Keim der Cultur niever, ihnen gesellen sich Pietisten, Frömmler, Scheinheilige, ebrliche Dummköpfe und heuchlerische Betrüger bei, und führen das Volk zu Jrrthum und Aberglauben, während die einsichtsvolleren Juden, theils in romantischer Anwandlung , theilS aus Trägheit, theils aber aus Indolenz keine Hand rühren, um dem Unwesen zu steuern. Am lichtvollsten) bewahrt sich dagegen der Wohlthätigkeitsfinn der Juden und sind die Fortschritte auf dem Gebiete der Nächstenliebe sehr erheblich. Von Jahr zu Jahr erstehen neue WohlthätigkeitSvereine in der Residenz, wie in allen Provinzgemeinden, und ein eigenes Zeichen der Zeit ist es, daß daS synagogale Bauwesenin letzter Zeit einen solchen Aufschwung nimmt. Kein Jahrhundert hat so viele Neubauten zum Zwecke des Gottesdienstes aufzuweisen, als die jüngsten zwanzig Jahre, die das heutige Geschlecht verlebt hat. Man bauet viel, bauet prachtvoll, betet entweder gar nicht oder geschmacklos, und kümmert sich um den Geist des Judenthums selber sehr wenig. Wenden wir uns dem Auslande zu, so fallen uns zunächst die Debatten des Norddeutschen Parlaments bezüglich der Confessionsfrage in die Augen. Mehrere Rabbiner hatten Petitionen um Aenderung der Eidesformel, um vollständige Rechtsgleichheit und die Gemeinden aus den Neulich zu Preußen annektirten Ländern begehrten verfassungsmäßige Gewährleistung ihrer Rechte. Im preu-