Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 200)
- Language
- German
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165 A m Morgen nach der Hochzeitsnacht kam/ die Schwiegermutter zu der — Schnur hinüber. Rosa wußte sich kaum zu fassen; dieß war ihr seit vielen Jahren nicht begegnet. Ohne weitere Umstände und ohne viel Worte schloß die alte Frau ihre Schwiegertochter in die Arme und bedeckte ihr das Gesicht mit Küssen. Rosa ließ diese nicht ohne Erwiederung. Jossef wußte nicht, wie ihm geschah; in Verzückung stand er daneben und betrachtete jubelvokl den verschlungenen Knoten. Komm' mein Kind — sagte die alte Frau— und preß mich nur heftiger an dein Herz, so fest als wie du kannst. Wir haben viel versäumt, wir müssen es uns einbringen. Wir haben zehn Jahre von unserem Leben verloren, wir müssen jetzt eifervoll wachen auf jede Minut', auf jeden Augenblick. Wir werden jetzt erst anfangen zu leben! Mißt du denn schon? — fragte Jossef schüchtern. Was fragst du, ob ich weiß? — entgegttete die Mutter — was soll ich wissen? ich weiß, daß ich zehn Jahr' lang eine große Sünd' begangen Hab', daß ich dein Weib da zehn lange Jahr gehasst Hab' wegen einer Sach', über die ich kein Richter bin; ich weiß, daß ich mich unterstanden Hab' zu verurtheilen und zu richten, was nur allein. Gott im Himmel zukommt und nicht einem sündigen Menschen. Das weiß ich jetzt, und das hat mir der gestrige Tag offenbart. Und er hat gerichtet, Gott im Himmel hat gerichtet — sagte Jossef. — Wenn er Leben und Gesundheit gibt.