Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 182)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2609281-3183021--6848-3183871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 147 — Es flössen die Jahre hin. Draußen in der „Gasse" hatte sich die Stimmung gegen Rosa bereits ganz verändert. Nur wenige Murrköpfe wagten es noch laut ihre Unzufriedenheit auszudrücken, die meisten schwiegen still. Wie sie innerlich dachten, darauf kam es weniger an, genug es war von jenem Hetzen, wozu anfänglich Alles bereit schien, gar keine Rede mehr. Im Gegentheil, allgemein pries man Rosas wohlthätigen Sinn, ihr gutes Herz, ihr Mitleid für Arme und Dürftige, ihre Freundlichkeit gegen Jedermann, ihr bescheidenes Wesen; von ihren — eigenen Haaren — sprach man nicht. Um so hartnäckiger hingegen gestaltete sich der Kampf daheim. Zu der neuen Verbitterung der Stimmung im Hause trug ein wesentlicher Umstand nicht wenig bei. Rosa hatte'noch kein Kind. Sie war mit Joffes bereits einige Jahre verheiratet, noch aber fehlte jenes gemeinsame Band und Pfand der Liebe, welches schon in mancher Ehe dem Stachel der Unzufriedenheit die giftige Spitze abgebrochen. Wäre Rosa Mutter geworden, hätte sie ihrem Manne den Sohn, der Schwiegermutter den Enkel geborenvielleicht wür' es auch hier zu einem Ausgleich zwischen Schwiegermutter und Schnur gekommen. Kann eine Großmutter denn auch das Kind derjenigen, die sie haßtliebend an sich schmiegen, oder vielmehr kann sie auch förtsahren, die Mutter des Kindes zu hassen, das in seiner Unschuld die kleinen Händchen nach ihr ausstreckt, wenn sie demselben ins reine Auge blickt? Sei es, daß es auch so entmenschte Naturen gebe; ich möchte keineswegs behaupten, däß Kreßel zu diesen gehört. 10 *