Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 130)
- Language
- German
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95 sikantm spielen dazu melancholische Weisen, gewöhnlich ein rührendes und ergreifendes Synagogenlied aus der Zeit der furchtbaren Tage. Die Hauptaufgabe aber vor der Ceremonie hat er, Didje, der Schalksnarr, der seine besten Reime aufbietct, um die Jungfrau zu rühren, zugleich aber auch zu erheitern. Seine Mission ist eine tragi-komische. Die Rabbinerin tanzte eben eine Menuett und Didje ertheilte der Braut gereimten Unterricht in der Kochkunst, schon nahten sich die Männer, die mit dem Rabbiner an der Spitze aus Schul zum Bedecken kamen, da ertönte in der Hochzeitsstube ein gellender Schrei, der alle Anwesenden gar sehr erschreckte. Nein! — rief das blühende Mädchen, da sie die unbarmherzige Scheere erblickte, mit welcher ihre zukünftige Schwiegermutter an sie herangetreten war, um ihr den schönen Schmuck ihres Hauptes abzuschneiden. Nein! — rief sie — ich duld' es nicht, ich lass' mir mein Haar nicht abschneiden — und die Frau Kreßel wich vor Entsetzen drei Schritte von dem Deckstuhl zurück. Die Männer waren inzwischen eingetreten, die Stube war voll. Der Bräutigam war schüchtern, die Mutter wüthend, die Braut schien gefaßt. Theilnahmsvoll stand neben / ihr die kleine Blümele — Alle andern waren rathlos. Es war eine gewitterschwüle Pause, welche nach diesem Angstschrei der Braut einige Minuten hindurch währte, bis endlich der Strom der Rede auf allen Seiten den natürlichen Ausweg fand. Hat man das in seinem Leben gehört? — begann jetzt des Bräutigams Mutter mit scheinbarer Ruhe, nach-