Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - zweiter Jahrgang 5627 (1866-1867) (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 292)
- Language
- German
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188 Annähe herab, die zum „guten Orte" hinausgeführt, kam der Zug in die Gasse; aus den vielen durcheinander tönenden Stimmen konnte man. deutlich den Jammer der unglücklichen Mutter vernehmen. Es waren Verzweislungsrufe, die mit eisigen Krallen an jedes Herz griffen. Jetzt waren sie vor der Rabbinerwohnung, und es währte nicht lange, so war die große Stube bis in ihre fernsten Ecken von Leuten angefüllt. Der Großvater saß noch immer am Tische und las in dem aufgeschlagenen Buche. „Mein Kind, mein Kind," heulte Hanne Elsaß, die neben ihm niedergesunken war, „wo ist mein Kind?" Hirsch Elsaß, ihr Mann, stand hinter ihr gebückt und gebrochen, das Antlitz von Thränen übergossen. „Dein Kind, Hanne?" sagte der Großvater, und ein wundersam strafender Blick fiel dabei aus seinen sonst so milden Augen auf die vor ihm Liegende. „Hast du mir es aufzuheben gegeben? Bin ich der Hüter deines kleinen Michele?" Da schrie die Frau wild verzweifelt auf: „Wozu haben mich denn die Leut' zurückgerufen? . . Damit ich mir etwa den Tod nicht gebe? Sie haben ja gesagt, der Rabbi weiß, wo mein Kind ist." Sie war aus ihrer knieenden Stellung aufgesprungen, dabei hatten sich ihre Haare unter der Haube gelöst, und so stand sie da, als könnte sie ganz allein mit einer ganzen Welt es aufnehmen, die ihr den Weg zum Tode verrammeln wollte. „Alle Leut' sollen die Stube verlassen," rief da der Großvater, „nur Hirsch Elsaß und sein Weib Hanne sollen bleiben." Was in der Stube sich befand, folgte diesem Gebote. Nur drei Personen waren zurückgeblieben.