Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 331)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-3183017--6342-3183363- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tich vorzuenthalten . . . . So kam es, daß er, als er endlich das Haus erreichte, und in die Stube eintrat, schon die ganze Familie um den Tisch geschaart fand, wie sie eben die althergebrachten Gesänge, die die Ankunft des holden Sabbats feiern, in abwechselnden und doch harmonisch in einander klingenden Weisen sangen. Obenan saß Leser Kollin, der arme Mann, der aber in diesem Augenblicke aussah, als hätte er Königreiche zu verschenken, neben ihm sein Weib in weißer Haube und ihr zur Seite das schöne Mädchen aus der Küche. . Von da an wogte es wie ein reifes Kornfeld von lauter Kinderköpfen, Mädchen und „ Knaben, jedes von ihnen ein aufgeschlagenes Gebetbüchlein vor sich. Der „Gast" war bescheiden an der Thür stehen geblieben. Eben stimmten sie den letzten Gesang an, den feurigen Hymnus des Königs Salomo auf das Weib, und mit seltsamer Gewalt umrauschten ihn die so oft gehörten und doch niemals recht verstandenen Worte des vielerfahrenen Dichterkönigs: „Anmuth ist Lüge und eitel ist Schönheit; eine gottesfürchtige Frau, die werde gepriesen. Gebt ihr von der Frucht ihrer Hände und rühmet ihr Thun in den Thoren." Sein reines Gemüth stand unter dem Banne eines Zaubers, den er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Nun erst, nachdem der Gesang geendet, ging Leser Kollin auf den fremden Gast zu und gab ihm den üblichen FriedenSgruß. Es war gar fein von dem armen Manne, daß er den jungen Rabbiner, den er doch über den Sabbat zu verköstigen hatte, nicht nach Stand, Namen und Herkunft fragte. Noch hatte er ja sein Salz und Brod nicht genossen. Eine Weile darauf wurde das Nachtmal aufgetragen; man wusch sich die Hände, Leser Kollin sprach die Benediktionen über den Wein und das weiße Sabbat-