Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 279)
- Language
- German
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209 Den Kranichzügen sieht er nach mit stillem Neid, Der Wolken rascher Zug erfüllt sein Herz mit Leid. „Weit über Land und Meer, wie sott ich hingelangen, Wo König Davids Lied und Gottesstimmen klangen?" Bitterste Armuth quält den sehnsuchtvollen Mann, Des Lebens Arbeit nicht, ihn hält sein Traum im Bann. Gold will er sammeln, bis genug 'er hat zur Neise, Von Thür zu Thüren geh'n, doch nicht nach Bettlerweise. Er singt manch' Liebeslied in der Propheten Laut, Er ist der Bräutigam, Jerusalem die Braut. Stolz zahlt er Jedem, der ihm darreicht ein Almosen, Mit eines Liedes Klang, mit seines Geistes Rosen. Er wandert, wandert, fort und fort, von Land zu Land, Baarfuß und elend und zerrissen das Gewand. Die Hände streckt er aus nach der geringsten Gabe, Und mehrt, ein Geiziger, die still verschwieg'ne Habe. Nie letzt ihm Wein den Mund, er ißt nur trocknes Brod, Froh, wenn ihm Nachts der Wald die Lagerstätte bot! Und kommt er in ein Haus zu heitern Freudenfesten, So predigt Buße er den froh gestimmten Gästen. „Wie kann die Welt sich freun? Hat sie vergessen schon Jerusalem im Schutt, in Trümmer seinen Thron?" Sie lächeln mitleidvoll den schwärmerischen Worten, Gut, wenn sie noch, beschenkt, ihn weisen von den Pforten. Nicht immer aber hört ihn das Erbarmen an; „Fort träumerischer Narr! Hier wird nicht aufgethan!? Die Kinder stieh'n vor dem zerlumpten Vagabunden, Und er entrinnt oft kaum ihm nachgesprengten Hunden. 14