Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2609281-3183017--6117-3183138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
36 halten und den Vorbeter zu machen. Zwei Tage ließ man mich mein Wesen treiben; am dritten aber, vor dem Anfänge des Gebets, kam eine Deputation von drei Männern an mich heran, und erklärte mir, daß ich, der ich öffentlich vier Cerewonialgesetze, die sie mir vorrechneten, übertreten hätte, ihr Vorbeter, der über sie den Segen aussprechen muß, Nichtsein könnte; ich sollte mich auf das Kadisch allein beschränken. Ich fragte sie, ob sie mich denn für keinen ihrer Glaubensgenossen erkennen, und als aus der Gemeinde ausgeschlossen betrachten wollten. Da sei Gott für! war ihre Antwort. Aber . . . Nun gut, erwiderte ich, ich merke, was das Aber sagen will. Sie sagen mir die Gesellschaft auf. Mir schon recht, denn hiermit sage ich sie Ihnen auch auf. Mit diesen Worten packte ich meine Tephillin zusammen und ging aus der Synagoge. Nie bin ich seitdem wieder hineingegangen." Er hat auch seit diesem völligen Bruche nie wieder gebetet im eigentlichen Sinne des Wortes nach vorgeschriebenen Formeln; „aber wenn mein Herz von einer frohen oder kummervollen Empfindung überströmt," bekennt er an einer andern Stelle, „wenn die Welt mit allem, was sie in sich fasst, für meine Freude oder meinen Kummer zu eng ist, dann Allvater! erhebe ich mich zu dir außer der Welt, ergieße mich vor dir in inniger kindlicher Herzlichkeit, innigem kindlichen Vertrauen, und fühle meine Freude erhöht, meinen Kummer gemildert! Das Gute, das dem Menschen wiederfährt, rührt von dir her, da der Mensch mit aller Vorsicht, den Umstand nicht in seiner Gewalt hat; das Böse ist des Menschen Schuld selbst, da er immer, wenn er aufrichtig sein will, es in etwas versehen hat, das ihm jene üblen Folgen zuzog. Du, Allvater! willst das Gute!" Während seines Aufenthaltes in der Kaiserstadt regte ihn seine „Neformatorgrille" wieder an, als der edle Kaiser