Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 4 (2.1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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zum Bundestag, dem ich wie in geheimer Furcht entgegensah, nicht mit jenem um« fassenden Glücksgefühl, das in Lockwitz als Erlebnis über Allen lag. Ich schicke Dir einige Aufzeichnungen über Groß-Obisch, die — nachträglich hingeworfen — von dem, was in zwei Tagen auf mich eindrängte, manches widerspiegeln. Abend. Wir wandern durch eine halbe Dämmerung auf der breiten Chaussee, später in langer Reihe einzeln über schmale Wiesenraine. Meinen Degen gebe' ich den Kleinen, die damit spielen und suche in dieser ernsten Stimmung des DunkelnS einigen JungenS. nahe zu kommen. Plötzlich überfällt mich das stumpfe Hingehn unendlich drückend; bepackter Gleichschritt, kein Singen, das in solcher Stunde die Seelen öffnet. Enge Worte vom Alltag, Schuldinge und Geschichten ohne Ende gehen lim. Niemand scheint unruhig im Bewußtsein einer Besonderheit, im Vorgefühl des Morgen. Eine kurze Rast am Straßenrand, bauit aufflackern eines Marschliedes und bald — nun schon in völliger Finsternis — der Eingang des Dorfes, wo uns die Ersten begrüßen. Ich liege ganz wach im Bett uxtb kann nicht einschlafen; Gedanken und Zweifel, Gesichter, Erlebnisse und Hoffnung irren durcheinander. Aber die reine Nachtluft kommt kühl durchs Fenster; Festgeruch vom freien Land, gedämpfter Lärm der nahen Ställe. Begegnung. In der geborgten Kluft, mit offner Brnst, schlendre ich morgens beschwingt und innen singend durchs Dorf. Beim Hauptquartier flutet schon buntes Leben; alles ist in Bewegung, man läuft zum Baden, spielt auf den Wiesen, manche, zu zweit, gehen in tiefem Gespräch weiter hinaus. Immer neue Gruppen wandern heran; jemand neben mir sagt: „Da kommen Berliner", und schon renne ich auf die Jungens zu, halte mit beiden Händen die Freunde, meine liebsten Jungens. Wie sie verändert scheinen, wie die Kleinen trotzige und bewußte Wanderer geworden mit festen Gliedern und struppigem Haupthaar! Ich staune sie noch an, packe sie am Kopf, sage ihnen immer wieder wie groß sie geworden sind, bcntu im Weitergehen zu bett Quartieren erinnern wir uns au tausend gemeinsame Dinge. Schülersührer. Nun liegen wir drei allein oben an der Mühle im Gras. Wir sind uns so nah, Unendliches haben wir uns zu sagen und doch sind wir jetzt fast stumm zu- . sammen. Bis große Fragen andrängen> die — so lange verschwiegen — uns wieder in alles Wollen, den letzten Sinn unseres Handelns reißen. Bald fühle ich auch hier mächtige Wandlungen, begreife unbestimmt, daß männlicher Geist und durch alle dumpfe Verworrenheit eine unaufhaltsame Richtung diese Jüngsten erfaßt hat; nur wie ein leiser Druck ruht über ihrer ganzen Haltung die immer strenger empfundene Pflicht und Verantwortung als eine Sehnsucht, empfangen zu dürfen, wo sie in jeder Stunde austeilen, entscheiden müssen. Von unten umschwirren uns die Rufe der Spielenden, die Sonne leuchtet warm, und Alles ist so in Kraft und Leben getaucht, daß kein Weg bange macht, das Ziel in naher Wirklichkeit aufflümmt. 94