Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 4 (2.1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Purim Wir stehen in der Synagoge, am Purimfeste. Geheimnisvoll duftet das Pergament der Megilloh von vergangenen Tagen. Es raschelt und knistert in der alten Holzrolle, krümmt sich und spannt sich voll der Erwartung, uns Kunde zu bringen von der wnnderliebsamen, schönen Königin Esther, und vom ruchlosen Haman. Und wir stehen in der Synagoge und lauschen der alten, ewig neuen Kunde. Vor unseren Augen erhebt sich voll Pracht und Glanz die persische Residenz. Lust und Freude herrscht in Susa: Der gütige König gibt seinem Volke ein Festmahl. Jauchzend drängt sich das Volk in den Höfen des weiten Palastes. Da, wie ein Blitz aus heiterm Himmel durcheilt die jubelnden Massen die Schreckensbotschaft: Der König verstößt sein Weib. Und wir bangen vor dem Groll des Königs, doch tief im Herzen freuen wir uns- Nun erwählt ja der König die schöne Jüdin Ester zur Gemahlin, und Ester wird dereinst ihr jüdisches Volk aus den. Klauen Hamans retten. Und es -ballen sich unsere Fäuste, unsere Füße heben sich, wir sind gerüstet, den Bösewicht Haman mit gehörigem Nachdruck zu empfangen. Schon tritt er ein, in prächtigem Gewände, und wir begleiten ihn mit wütendem Scharren und Klopfen. Doch unbekümmert schreitet er erhobenen Hauptes einher, ganz Susa liegt vor ihm auf den Knien, und wir sehen uns bestürzt dem Bösewicht gegenüber. Doch am Eingänge des KönigSpalastes erblicken wir eine aufrechte Gestalt, an die wir uns halten können: eS ist der alte Jude Mordechai, unser Ahne. Unerschrocken, ungebeugten Hauptes blickt er in die Augen des Gewaltigen; und Haman vermag seinen reinen, offenen Blick nicht zu ertragen, er stürzt davon, den Juden Rache brütend. Wir atmen auf, von schwerem Banne befreit/'und tief in unser Herz prägt sich die befreiende Tat unseres Ahnen Mordechai, der unser Volk, uns retten wird. Zähneknirschend begleiten wir Haman zum .König. Wir sehen mtfcr Volk verleumdet und verraten, und wir stehe»: da, ohnmächtig einzugreifen. Haman wirft über uns das Los der Vernichtung. Es fällt auf den 13. Adar. Trübe Tage kommen über imfer Volk. Mordechai schreitet in härenem Gewände wehklagend durch die Gassen, und die Juden flehen hastend um Hilfe aus der großen Bedrängnis. Auch Ester, droben im prächtigen KönigSpalaste, fastet und ist in höchster Bedrängllis, und alle ihre Gespielinnen kauern wehklagend in ihrem Gemache. Und eS zittert die Stimme des greisen Vorlesers in namenlosem Wehe, beklemmende Stille und Schwüle liegt in der Synagoge; »mr dann und wann bäumt sich eine Megilloh unter maßlosem Schmerze empor. Am 3. Tag steht Ester vor dem König — und schweigt. Und es steigt die Nacht herauf, die lange, schwule Nacht. Dumpf, tönen Schläge über das vereinsamte Susa hin, und hinter dem Hause Hamans erhebt sich hoch und düster ein Galgen. — Der König wälzt' sich ruhelos auf seinem Lager. Er sinnt, seinem getreusten Diener Mordechai eine Ehrung und Belohnung zu erweisen, dem greisen Mordechai, der dem Könige dereinst das Leben gerettet hat und auf welchen bereits der Galgen im Hofe Hamans wartet. Schon tritt Haman ein, um vom König Erlaubnis zu seiner Bluttat'zu erlangen. Da wendet der himmlische Vater jäh das Verhängnis von Mordechai ab und läßt Haman seine ruchlosen Absichten büßen. Hoch auf königlichem Rosse, angetan mit Königsmantel, 85