Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 5 (1917-1918)
- Issue
- 4 (12.1917)
- Date
- 1917-12-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Kch. das wählen. Jede Gruppe lernt eine andere Handfertigkeit. Wir find die Buchbinder. Da hatten wir gerade viele Aufträge; unter fachgemäßer Leitung hatten -wir die Bücher - unserer Bibliothek zu binden. Und eS waren noch viele. Go hatten wir wenig Zeit und sprachen nicht viel, sondern setzten uns hin, um zu arbeiten. Aber es geht ja nicht so wie man will; bald war der Schalk wieder da;, man erzählte Geschichtchen, besonders von den Cholmer Juden, sang, aber arbeitete trotzdem fleißig; auch unser neuer Wanderbruder war am Arbeitstisch und sah zu. WlS ein Lied verklungen (es war gerade jenes vom kurzen Pitschak) sagte einer: „Ist daS nicht schöner, als drinnen zu streitend" > Wir hatten Lust, wieder zu reden^ doch -unser neuer Wanderbruder ergriff die Gelegenheit, einmal um uns seine Gründe darzul^gen, und dann weil er nichts zu tun hatte und reden konnte. Ich war schon voller Freude, weil mir seine Ideen sehr gefallen hatten. Keiner , erwiderte ihm, als ex unS erzählte. Er hatte in seiner Mittetschulvereinigung keine Befriedigung gefunden. Es wurde so viel gegeistett: „Kein Humor, kein Frohsinn, nur sitzen unh Probleme lösen oder Theorie treiben. Ihr könnt mich begreifen," sagte er, „das ist doch für junges Blut nichts." Nun hörten wir, daß er ganz vernünftige Ideen hatte, legten die Arbeit hin und lauschten. „Schaut," sprach er, „da saßen wir M junge Juden und jeder war nur mit dem Kopf bei der Sache. Nicht jeder — denn die meisten langweilten sich. Erst kam Buber, dann wieder etwas theoretisches Wortgeplänkel usw. Ich fühlte mich unbehaglich, da ich sah, daß sich hie größere Anzahl der Jungen langweilten. Sie waren ja ganz vernünftige Burschen, aber so gar kein Leben. Ich suchte das Leben. Und deshalb kam ich zu Euch. Nicht wahr, wir wollen ja ein neues Judentum und neue Juden schaffen? Und seht," (nur das sagte er ttaurig), „da redet man auch und es wird wieder jener Jude hervorkommen, der über dem Nachdenken vergißt, daß er wirklich lebendig ist. Wir sollen ja nicht dumm werden, aber wozu dieses viele Fragen? Wir kommen doch her, nicht um zu reden und zu fragen, sondern um zu lachen und lustig zu sein und zu wandern. Wir brauchen nicht so viel fragen, mehr erzählen, ich glaube, wir werden dabei uns kennen lernen und vieles aus dem Judentum lernen. Jetzt bedenkt. Singen und Geschichtenerzählen, wenn wir das mit unseren Wanderungen vereinigen! Wenn wir wieder draußen find, und nicht wandern werden, ohne Sinn für die Natur. Was für Schönes werden wir da erleben." Noch vieles sagte E Die Uhr Mug halb neun; wir fingen an einzupacken. Da sagte er noch : „Glaubt mir, wenn die Juden das Lachen wiedergewonnen haben, haben wir auch das Leben erobert. Und das wollen wir ja." Die letzten Worte haben wir uns eingeprägt. Die Bücherembände find wohl nicht fertig geworden, aber vieles haben tvir Gelernt. Und als wir aufstanden, waren wir einig, daß wir anders werden wollen^ durch Frohsinn und Freudigkeit nahmen wir uns vor zum Ziele zu gelangen. Unseren neuen Wanderer aber hatten wir liebgewonnen. Z uai« Irma Färb er