Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 4 (1916-1917)
- Issue
- 5 (2.1917)
- Date
- 1917-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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erzählte mir, daß es nicht sehr viele Arme in der Ltadt gegeben habe. Man hatte ein kleineres oder größeres Geschäft und verkaufte viel ail die russische Landbevölkerung, die an den Markttagen in die Stabt kam. Man sieht es auch ail der im allgemeinen leidlich guten Aleidüng, daß cs den Leuten «licht schlecht ging. Die Aleidung und über» Haupt das Aussehen ist viel westeuropäischer als das der galizischen . Juden. Es sind litauische Juden, die hier leben, überwiegend Missnagdim') mit Haar- und Barlschnitt ohne Aaftan. Zwar gibt es auch viele Ehaffidim 2), in dieser ganzen Gegend, . . . aber sie sind gegenüber den Missnagdin« anders als m> Galizien, entschieden in der Minderzahl. Die restlose Uebereinstimmnng des Gesicht-t^ps mit dem der deutschen Inden ist selbstverständlich, aber gerade bei den ganz östlich aussehenden Gestalten ist es überraschend, bei schärferem Zusehen innner wieder die aus Berlin bekannten jüdischen Gesichter;n erblicken. Ich wunderte also viel inmitten der Beoökerung und machte mir iilmler wieder das alte Vergnügen, mich dem erstaunten Publikum durch eine nonchalante, kennerische Bemerkung als Juden zu dekouv» rieren Und immer traf ich dann auf die gleiche, durch ilieine Gfsiziersnniform in Grenzen gehaltene, aber innerlich sehr bewegte, echte brüderliche Herzlichkeit. Innner ein Aufleuchten in aller Augenl Einmal z. B. fuhr ich in ei«>er Droschke — einer jüdischen Droschke natürlich — zum Lazarett zurück .. . Unterwegs traf ich eine russische Schwester, ebenfalls auf dem Wege znm Lazarett . . . Sie hieß, wie sich heraus stellte, nachdem ich sie mit Erfolg eingeladen hatte, mitznfahren, Schwester Rebecca, Wir spräche», von allen möglichen Dingen, sie war Zahnärztin. Beim Abschied sagte ich dann leichthin, sie solle ihrem Vater von mir bestellen, er möge «norgen nicht vergeffen, Eruw Tawschilin zu niachen. Grenzenloses Erstaunen! Gb ich orien» talische Sprachen studierte, fragte sie etwa dem Sinne nach, Ein andermal traf ich Jungen, die offenbar aus der Schule oder aus dem Eheder kamen, auf der Straße. Ich fragte, was sielernten und eröffnet« ein kleines Examen, so gut es gehen wollte. Natürlich sofort ein großes Halls, und wie der Rattenfänger von *) Die Missnagdim bilden die alte Orthodoxie, leben etwa in der Art der gesetzestreucn Juden Deutschlands, lernen viel Talmud; die Lhassidim wandten sich gegen di« übertriebene Schätzung des Talmndlernens, suchten die Lust und Freude des Lebens zU steigern, und erblicken noch heute in ihrem Rebbe den persönlichen Führer für ihr religiöses und weltlich«« Leben, (vergl. auch die Aufsätze über RaUschhaschonoh und Simchaß-Thauroh in dieser Nummer).