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Blau-Weiss-Blätter · 1916-02-01 · 5 (2.1916) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
3 (1915-1916)
Issue
5 (2.1916)
Date
1916-02-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
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verließ er Michailowka, um sich in «Odessa für sein Studium vorzubereiten. In dem dortigen national-jüdischen, literarischen Areiso wurde sein Talent schnell entdeckt, und von dieser Zeit an bis zum heutigen Tage hat er im Verlauf von zwanzig Jahren die hebräische Poesie ungemein bereichert und ist der Lieblingsdichter des neuen Geschlechts geworden, das in ihm einen Bahnbrecher erblickt, den Gründer der Renaiffance-Gpoche in der hebräischen Literatur. Tschernichowsky ist stark von griechischer Aunst und Aesthetik beeinflußt und sucht selbst „die Schönheit von Iepheth in die Zelte von Schem" hineinzutragen. Seine Lieder sind „hellenistisch" angehaucht, man lese etwa LatK-Lebiratdi. Aus seinen Schilderungen des Meeres und des Frühlings (in den Agadoth-Abib) spricht «ine leidenschaftliche Liebe zur Natur. Seine Lieblingshelden in der jüdischen Geschichte sind die Makkabäer unb Bar Aochba, die er als tapfer« Freiheitskämpfer mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seiner jungen Seele verherrlicht. Seine Studentenjahre verlebte er als froher, lebenslustiger Student in Heidelberg, wo er Medizin studierte. Aus dieser Periode eines Lebens stammen seine schönen Liebeslieder, wie etwa Laj’phcphiah. Das Tharakteristifche in allen seinen Dichtungen ist die ständige Betonung der sonnigen Seite des Lebens. Gr stimmt niemals traurige Klagelieder an und unterscheidet sich hierdurch von großen jüdischen Dichtern aller Zeiten, deren Größe zumeist in den Liedern zum Ausdruck kommt, in denen sie die jüdische Not besingen; wir brauchen bloß an die „Zioniden" des Iehuda halevi oder an Massa Nimirow von Bialik zu denken. Freilich bedrückt auch ihn die anormale Lage des jüdischen Volkes. Gr beklagt es vor allem, daß die ganze Volksenergie auf metaphysische Spekulationen und abstrakte Ideologie verschwendet worden ist, 1 wobei man die physische Entwicklung vernachlässigte. Gr beklagt es, daß die Inden hierdurch den Sinn für Schönheit und die Natur verloren haben, und daß sie allzu lange ein Volk des Geistes gewesen find, während Körper und Seele verkümmerten. Gr verlangt vom Menschen, gleich Victor Hugo und Zola, daß er um des Lebens selbst willen lebe, für den Fortschritt arbeite und schasse, ohne sich auf metaphysische Dinge einzulaffen. In seiner optimistischen Weltanschauung ist Tschernichowsky sicher, daß früher oder später Generationen mit seinen Idealen im jüdischen Volk erstehen werden. Das

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