Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 3 (1915-1916)
- Issue
- 4 (12.1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425321-3181698-3181702--0440-3182260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
heftigem Wind näherten wir uns ihr und stiegen allmählich aus, bis wir plötzlich an einer Wegbiegung das letzte Stück vor uns sahen. Nun fing das Steigen an, über Wiesen und Geröll. Mit jedem Schritt erweiterte, sich der Horizont, sahen wir neue Berge und Dörfer. Je mehr wir stiegen, desto mehr umbrauste uns-er Wind, -erschließ, lich zum Sturm anwuchs. Bald flogen wir am Berge empor, bald wurden wir fast wieder hinunter geworfen. (Oben war die Lage nicht; mehr ganz einfach. Wir befanden uns auf einer höchstens zwei Meter breiten Stelle, rechts und links ging es tief hinunter. Wir stemmten uns gegen den Wind, um nicht umgeweht zu werden, wie man sich gegen eine Mauer stemmt, um sie einzudrücken. Zeitweise kam es wohl vor, daß plötzlich jemand auf den Steinen faß. Als wir uns an die Lage gewöhnt hatten, konnten wir uns umschauen, und Las Bild, das sich uns darbot, war so überwältigend, daß wir kein Wort sprechen konnten. Frei und trotzig standen wir, wie im Rampf mit einer unsichtbaren Gewalt, dem Sturm. Ueber und um uns, und noch weiter unten, rasten die Wolken, peitschten uns bald mit Regen, ließen bald einen Sonnenstrahl durchdringen, bedeckten jetzt launenhaft die Aussicht und gaben sie gleich drauf wieder frei, und der Sonnenschein blinzelte, als wollte er . uns necken, bald hier, bald dort. Weit hinten, am Horizont, zog sich die schier endlose Rette des Thüringer Waldes hin, und vor uns zu allen Seiten die Rhön, spitze Ruppen und tiefe Täler, und aus diesen' lachten freundliche Dörfer und gelbe, wogende Felder hervor, hier Rampf, dort Frieden. Rraft und Mut gab uns der Rampf, und unsre Gedanken schwebten aus und flögen in ein andres Land. Der hermon. hier Galiläa, dort Judäa, und oben, auf dem strahlenden Gipfel, freie Juden . . . Die ganze Fahrt hindurch freuten wir uns an der reichen Frucht» barkeit des Landes, aber nirgends wurden wir so sehr in Erstaune» gesetzt wie an der Bergstraße, bis an den Rhein heran. Die Berg» abhänge waren mit Wein bepflanzt, die Straßenränder mit schwer» behangenen Mbstbäumen bestanden, und weithin erstreckten sich Felder mit reicher Ernte. Die sprichwörtlich gewordenen Hopfenstangen bildeten oft förmliche Wälder. Dazwischen aber liegt Dorf an Dorf, Stadt an Stadt. Wir freuten uns an dieser Fülle und konnten nur immerzu denken: Welch schönes und glückliches Land. Von Schwetzingen her, mit seinem alten park, wunderten wir dem Rhein zu, nach Speyer. Wir kamen durch Retsch, berühmt durch das. Lied vom „Enderle von Retsch". Ls ist ein größeres Dorf, um so