Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1914-1915)
- Issue
- 5 (8.1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Kunst mußte in einer solchen Zeit in ihren Mitteln gebundener und viel ausgeprägter in ihren Wirkungen auf das ganze Volk gewesen sein. Das Volkslied ist aber nur eine Ausweitung des Kunstliedes. Liner dichtete und sang, und die Masse bemächtigte sich seiner Kunst, machte sie zu ihrem Eigentum und gestaltete sie nach ihrem Gefühl um. Lin Dichter hat das einmal in anschaulicher Weise so ausgedrückt: das Volkslied entsteht wie ein Feldweg; einer geht ihn zuerst, aber dann folgen ihm die vielen Nachschreitenden, und indem sie gehen, vervollkommnen sie den Weg. Das Volkslied richtet sich vor allem an das Gefühl, und es wirkt in dieser Zeit seelischer Gebundenheit durch Anwendung weniger, immer wiederkehrender Mittel und Motive. Diese waren jedem vertraut, ja noch mehr; sie verstärkten die Stimmungen, weil sie in jedem verwandte Saiten zum Mittöncn brachten. Das hatte jene sprunghafte Kürze im Gefolge, die tief packt und zum Mit- und Weiterdichten auffordert. So kommt zu dem grünen Klee immer der Schnee, der dahinschmilzt, und so eine Menge wiederkehrender, anschaulicher Gefühlswerte: Der Reif, der in der Frühlingsnacht fällt, das rauschende Brünnlein, verwelkend Laub und Gras werden mit der sterbenden Liebe verglichen. Daß solche Dichtungen dem von seiner Gelehrsamkeit aufgeblähten ^7.—lg. Jahrhundert verächtlich vorkonnnen mußten, ist klar. Lrst die gewaltige Verinnerlichung seit 1750 brachte wieder etwas wie ein Gerneinschaftsempfinden aller Stände und machte den Boden frei zu einem Verständnis des Volksliedes. Aber auch nur zum Verständnis, fast schon zuviel wäre gesagt: zu einer Nachblüte. Denn das Volkslied wurde nur mehr in den niederen Schichten und auf dem Lande gesungen und nur gerade von solchen, die ans einer geringen Bildungsstufe standen und nicht im seelischen Getriebe der großen Menge mitkamen. Warum sind wir aber wieder auf die einfachen, tiefen Schönheiten des Volksliedes zurückgekommen? Der Grund liegt darin: Weil wir zur Linfachheit und zum Gemeinschaftsempfinden zurückkehren und die Schäden einer übertriebenen Geistigkeit und einer überspannten Individualismus überwinden müssen, die uns Juden noch mehr als andere getroffen haben. Darum singen wir wieder die Lieder des Volkes, di« Lieder der Masse, der Gemeinschaft, die einfachen, stillen Weisen mit ihren von allen gleichmäßig verstandenen Melodien und Gedanken, die Lieder des seelischen Gleichklangs^ ' , . München^ Martha Feuchtwanger 8