Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1914-1915)
- Issue
- 3 (6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Blau-Weiß-Blätter leben ihrer stillen Majestät überordnen zu wollen. Wer sich vor ihr, als der Allmutter und der holden Spenderin der Natur, niederwirft, der braucht sich wirklich nicht zu schämen. Jeder Augenblick macht stark, in welchem man ihre stille Gewalt bewundernd und liebend anerkennt. Darum liebet die Sonne, und werdet anders, als die Menschen der Großstadt, die für die Sonne „keine Zeit haben**. Arm, sehr arm sind solche Menschen, wir wollen anders und reicher werden. Dr. Otto Simon, Mannheim Wandergeist Wenn ich den Geist unsers Blau-Weiß überdenke, dann fällt mir ein Wort ein, das ein Schlagwort sein könnte für unsern Wanderbund: Der Schnee lag hoch. Glutheiß brannte die Mittagssonne und der Rucksack drückte schwer. Unsere kleine Skiläuferschar schleppte sich keuchendan ihren Stöcken den Berg empor. Nun gings am Abhang steil hinauf. Schon wollten die Vordersten abschnallen, da fiel das Wort. Stolz und mutig, aus selbstbewußter, junger Brust: „Ein Blau-Weißer schnallt seine Skier nicht ab!" Und es j>ing auch so. Doppelt schön war aber nachher am Abend die Abfahrt. — Stolz und mutig. Wir Juden waren einst ein stolzes und mutiges Geschlecht. Wie hätten sonst in den widerhallenden Straßen Jerusalems verzückte, gottbegeisterte Propheten ihr übervolles Herz ausströmen lassen in Verheißungen und Ahnungen, Lobsprüchen und Drohungen, in Flüchen und Gebeten! David, der gekrönte Psalmdichter, opferte seinem Gotte singend und tanzend vor allem Volke. Die Freiheitshelden aus dem Herrschergeschlecht der Makkabäer ließen auf dem Schlachtfelde ihr Leben. Und so manche jüdische Familie hat im Grauen mittelalterlicher Verfolgungen ihrem Judentum standhaft und treu das Banner geschwungen. Hat nicht Spinoza, der bleiche Brillenschleifer aus dem Ghetto, in seinem Kopfe eine Welt erbaut wie sie so groß und so kühn von wenigen Menschen erdacht wurde? — Von den heutigen Juden können wir nicht sprechen. Zu viele sind, die es nicht wahr haben wollen, daß sie Juden sind, die vergessen, untertauchen, genießen möchten, die zu laut und zu schnell allem Neuen hinterherjagen. Hat nicht der edle und stolze Mensch, der gesunde Mensch Zeit und Ruhe? Zu viele, die vertuschen und ableugnen wollen, was jüdisch an ihnen ist. Aber kann ein Mensch, der nicht sein will, was er ist, der abbrechen und untergehen lassen will, was seine Väter freudig erarbeitet und errichtet haben, kann solch ein Mensch echt das Werden der Natur empfinden, ein Kunstwerk schaffen, an Freundschatt glauben, lieben? Wer nicht wahr ist, wirft sich weg!