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Blau-Weiss-Blätter · 1914-06-01 · 3 (6.1914) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1914-1915)
Issue
3 (6.1914)
Date
1914-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang II Juni 1914 Heft 3 Sonne Im Winter zähle ich die Tage, bis die ersten Sonnenstrahlen der FrühHngssonne sich wieder zaghaft in mein Zimmer hereinschmeicheln, und jetzt haben wir Sonne überall, glitzernde, strahlende, jubelnde Sonne. Was vermag die Sonne nicht alles? Ich betrachte einen Haufen ungehobelter Bretter; Gerüstholz, nichts weiter. Aber letzt kommt die Sonne und legt sich auf die glatten Flächen, ein Meer weißen Lichtes, eine Helle, daß nur blinzelnd das Augfe darauf ruhen kann. Es ist mir, als ob alle Klarheit der Weit hier zusammen gehäuft liegt, und doch sieht es außer mir vielleicht keiner, und die Sonne liegt ruhig und gelassen darüber! Die Menschen der Großstadt, die sich in Zigarrenkisten Blumen pflanzen, und sich einbilden müssen, das sei der Wafd? wissen von der Sonne nichts. Sie kaufen einen neuen Strohhut und einen weißen Anzug und jammern über die «entsetzliche Hitze". Uns anderen aber ist die Sonne die sichtbare Königin des Lebens. Jetzt sind die Tage, in welchen sich die Sonne von der Erde kaum trennen kann, Johanniszeit, wo Spukgestalten durch die hellen Nächte gehen und Rosenduft die Lüfte erfüllt, wo.die .Sage geht, daß man Sonnenaufgang und Sonnenuntergang gleichzeitig von hohen Bergen aus erblicken kann. Jetzt ist die Zeit, von der Eichendorff singt: „Es war, als hätt' der Himmel Die Erde still geküßt, Daß sie in Blütenschimmer Von ihm nur träumen müßt*.4* Rosen, Rosen überall! Singt mir das Lied: „Noch sind die Tage der Rosen,4": aber brüllt es ja nicht im Chor auf Jeni Marsche, sondern singt es, wenn ihr unter dem blühenden Rosen-?- stock lagert, voll Wehmut über das Vergehen auch der strahlendsten Pracht. Oder singt es, wenn die Sonne untergeht, und diei Rosendüfte und der Abendwind um Euch sind. Die Menschen der Großstadt, sie wissen ganz genau, wann die Sonne aufgeht und untergeht, und ob sie in den nächsten. Tagen stark oder weniger stark scheint, denn die Wettervoraussagen hängen an allen Ecken und stehen in allen Zeitungen: sie bilden sich vielleicht noch ein, durch Polizeivorschriften den Gang: der Sonne zu regeln, und machen sich weiter wenig Gedanken darüber, denn sfe sind ja so ^entsetzlich vernünftig** geworden. Uns anderen aber ist die Sonne noch etwas Fremdes und:> Liebes und Starkes, Wir denken nicht daran, tinser Eintags-

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