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Blau-Weiss-Blätter · 1916-01-01 · [1916] · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
3 (1915-1916)
Issue
[1916]
Date
1916-01-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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mären Hirten, Eigentümer der Hütte, vor der wir lagen. Während wir uns wieder zur Ruhe legten, gingen sie in das Häuschen hinein, um drinnen die Nacht ju verbringen. Bald darauf begann es zu regnen. Unser Feuer erlosch. Decken, Rucksäcke, alles ließen wir im Stich und flüchteten in die Hütte. Die Hirten nahmen uns gerne auf. Auch die eigentlichen Bewohner, die vorhin nicht hatten öffnen wollen, widersetzten sich nicht. Es waren zwei Ziegen, denen wir gern alles verziehen. — Wenn wir nun auch im Trocknen lagen, war unser Trrartier doch wenig verlockend. Der Raum war klein, der Fußboden bestand aus knorrigen Tannenstammen, jeden Augenblick stieß man gegen die Nagelschuhe des Nachbarn. Dennoch schliefen wir bald ein, und selbst die „Menschlichkeiten", die den Ziegen widerfuhren, konnten unseren Schlummer nicht stören. 10. Irr Süddeutschland gibt es zahlreiche Judengemeinden, die ziemlich abgeschlossen leben und im Großen und Ganzen wenig mit der umwohnenden Bevölkerung, wenig aber auch mit der Judenschast des übrigen Deutschland in Berührung kommen. Die Leute find sehr fromm — für die Fragen der jüdischen Gegenwart haben fie jedoch kein Interesse. Vor noch garnicht langer Zeit machten fie an manchen Grten mehr als die Hälfte der Einwohnerschaftaus; in Gailingen gab es z. B. vor kurzem einen jüdischen Bürgermeister. Heut wirkt auch hier schon der Zug in die Großstadt. Die jungen Männer gehen nach Stuttgart und Zürich, die Mädchen verheiraten fich wer weiß wohin. . . . Uns betrachtete man mit Launen, und einem gewissen Mißtrauen. Jüdische Wanderer hatte man noch nicht gesehen. Dennoch nahm man uns gern auf und lauschte vergnügt unseren Liedern. Bald waren wir ganz befreundet mit einander. Das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl machte fich geltend. Und als wir ordentlichausgefüttert weiterzogen, begleitete man uns wie alte Bekannte ein gut Stück Weges auf der Landstraße. U- Die christliche Bevölkerung ist reich und tüchtig. .Die Bauern fitzen seit undenklichen Zeiten auf ihren Höfen. Rechts und links vom Wege findet nran uralte verwitterte Denksteine. Sie erinnern an die Toten des Bauernkrieges, die hier überall unter dem Rasen liegen. Die Enkel find wie die Ahnen waren, knorrig und park. Die Leute kennen ihre Geschichte und find stolz darauf.

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