Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 3 (6.1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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BJau-Weiß- Blätter 3 Wenn Juden wandern Dem Judischen Wanderbund „Blau-Weiß" in Berlin zum Geburtstage Niemanden könnte es wundern, — Max Nordau schrieb es auch schon — wenn uns bei Eurer neu erwachten Wanderlust auch ein Gefühl bitterer Erinnerungen ergriffe. Wanderten ja auch so manche unserer Urgroßväter, das Päckchen auf dem Rücken, wenn es gut ging, den Handwagen ziehend, und pflegten erst zum Sabbath zur schwer verdienten Ruhe nach Hause zu kommen: sie trieb der Hunger nach Brot. Wanderten doch unsere Ahnen, wenn irgend ein großes Sterben seinen Einzug hielt, für das man sie verantwortlich machte, wenn die Glut der Glaubensbegeisterung sich gegen den Ungläubigen wandte: sie trieb der Haß und die Verleumdung. Jetzt sind wir, so sieht es aus, zur Ruhe gekommen und sollten uns des Hauses und des sicheren Besitzes freuen. Ein anderer schöner Wandergeist ist es, der Euch ergriffen hat, nicht aus dem Zwang, sondern aus dem Ueberfuß heraus, um Kräfte zu betätigen, die zu Hause ziellos verkümmern müßten. Ist hier nur ein Gedanke aufgegriffen, dem der „Wandervogel" zum Siege verholten hat? Nun, dann brauchte man vielleicht keinen jüdischen Verein. Aber als wir, vor nun einem Jahre, zuerst von der Notwendigkeit Eures Bundes sprachen, da war für uns doch nicht der bloße Gesichtspunkt der Nachahmung maßgebend. Man könnte ja mit Recht sagen, daß vielen von Euch die Teilnahme am Wandervogel erschwert wird, oder daß gegenwärtig allgemeine Ursachen den Zusammenschluß der Juden notwendig machen: ein innerer Zwang gerade zu einem jüdischen Wanderbund wäre damit noch nicht gegeben. Aber es ist eben etwas eigenes, wenn Juden wandern. Euch soll das Wandern aus einer Net helfen, aus einer Judennot, die wir Aelteren schmerzlich genug empfanden. / Wenn der Jude von der Arbeit und der Not des Alltags sich erholen wollte, dann griff er zum Buche, ob er nun in scharfer Verstandestätigkeit die Lehren seiner Religion erforschte, ob er die Werke der weltlichen Literatur mit kritischem Geiste sich zu eigen machen wollte. So wurden wir zum Volke einer oft wenig fruchtbaren geistigen Tätigkeit. Das hatte vielleicht manches Gute im Gefolge und half uns sicherlich in dem schweren Kampfe ums Dasein. Verkümmert aber wurde unser Auge und blind der Schönheit des natürlichen Daseins gegenüber, verkümmert unser Wille, der nur dem Egoismus des ein^ zelnen diente und gleichgültig ward gegenüber den Aufgaben der Gemeinschaft. Mancher von Euch ist vielleicht ein Kind wohlhabender Eltern und hat schon ein paar Sommerwochen an der See oder