Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Volume
- 1931-1932
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 86)
- Language
- German
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zu pflegen haben wird. Gewiß bekunden auch hier die liberal gerichteten Juden nicht weniger als ihre andersdenkenden Glaubensgenossen lebendig ihr Bekenntnis zur Gemeinschaft und betätigen es in den vielgestaltigen Formen unseres jüdischen Lebens. Es ist ja. auch auf den liberalen Weltkonferenzen mit ganz besonderem Nachdruck der Zusammenhang der liberalen .luden mit der Gesamt-Judenheit betont und seine Pflege als eine wesentliche Aufgabe des jüdischen Liberalismus gekennzeichnet worden. Gleichwohl wäre noch viel zu leisten für eine weltanschauliche Betonung jüdischen Bewußtseins. Auch wo liberales Denken die Unwandelbarkeit des jüdischen Religionsgesetzes nicht gelten lassen kann, bleibt ihm die unauflösliche Verbundenheit mit dem geschichtlich gewordenen Judentum ein oberstes Grundgesetz jüdischer Religiosität. Religiosität darf sich nicht verflüchtigen in ein bloßes Gedankengebäude, darf sich nicht beschränken wollen auf eine' seelische Grundhaltung, die als solche sich im Kampfe des Lebens betätigt: Sie würde der Gefahr erliegen, ihrer eigentlichsten Wesenheit entkleidet zu werden, so daß nur eben noch im letzten Grunde der Gefühle ein geringer Rest von Religiosität verbleibt. Soll sie Ausdruck lebendiger, zum Ewigen hin gewandter Oesinnung und Gefühle bleiben, so muß sie bewußt erhalten werden durch klarumrissene Formen und ein die Seele berührendes Brauchtum. Jüdische Religiosität kann ihre Eigenart, die sie zu einer jüdischen stempelt, nur dann bewahren, wenn sie im Kerne das in Jahrtausenden entwickelte, von langen Geschlechterreihen als Ausdruck des Judentums geübte Brauchtum bewahrt, wenn auch dabei der liberale Grundsatz der zeitgemäßen Gestaltung zu seinem Rechte kommen muß. Nur so kann jüdische Gemeinschaft aufrechterhalten werden, denn nur so kann das Verbindende des Judentums aus einer schwächlichen, zu immer stärkerer Verblassung verurteilten Gedankenrichtung zu einer kraftvollen Lebensbetätigung verwirklicht werden. Das ist die Aufgabe, die die Leipziger Ortsgruppe zu erfüllen haben wird: Unter den Juden Leipzigs, die sich gefühlsmäßig zum liberalen Judentum bekennen, das Bewußtsein davon immer mehr zu festigen oder zu wecken, was liberales Judentum, in seinem ganzen Ernste erfaßt, von ihnen fordert. 86