Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Volume
- 1931-1932
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 85)
- Language
- German
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Diese Feststellungen sind auch zu berücksichtigen, wenn über die Stellung des Liberalismus in der Leipziger Gemeinde gesprochen werden soll. An sich ist Leipzig seit mehr als 100 Jahren eine Pflegstätte für den liberalen Gedanken. Als zu Anfang des vorigen Jahrhunderts mit dem Ungestüm langer Verhaltenheit die Forderung nach Zuerkennung des Persönlichen im Judentum hervorbrach, drohte die Gefahr eines alle Dämme durchreißenden Sturzes. Nur verständnisvolle Neugestaltungen im jüdischreligiösen Leben konnten den völligen Zusammenbruch hindern. Die in Leipzig bei den Messen zusammenströmenden Juden schufen hier für ihre Gottesdienste einen Betsaal, in dem solchen Erfordernissen Rechnung getragen wurde. Die äußere Gestaltung dieser Gottesdienste, vor allem die Benutzung eines Instrumentes, nicht minder die religiöse Belehrung durch liberale Prediger machten Tausende der Meßbesucher aus den verschiedensten Ländern mit den Möglichkeiten einer Anpassung jüdischer Formen an die Forderungen einer neuen Zeit vertraut und trugen dadurch dazu bei, daß auch anderwärts von diesen Möglichkeiten Gebrauch gemacht wurde. Die Gemeinde, die sich gerade um diese Zeit bildete, setzte sich ausschließlich aus Mitgliedern liberaler Gesinnung zusammen. Sie dürfte zu den ganz wenigen Gemeinden gehören, deren Aufbau auf liberaler Grundlage geschah. Im Laufe der Jahrzehnte sind auch vielfache Anregungen für die Fortentwicklung des liberalen Gedankens von hier ausgegangen, vor allem haben in Leipzig die großen grundlegenden Aussprachen auf der Synode von 1869 stattgefunden. Die liberalen Gemeinderabbiner Dr. A. M. Goldschmidt und Prof. Nathan Porges haben wegen ihrer geistvollen Predigten besonders während der Messen viele Hunderte in die liberale Gemeindesynagoge gezogen und ihnen wie den Mitgliedern ihrer Gemeinde Stunden echter Erhebung und Festigung der Freude an ihrem Judentum vermittelt. Liberale Einrichtungen innerhalb der Gemeinde haben auch hier die Wirkung gezeitigt, daß liberale Juden opferfrohe Verbundenheit mit der Lehre der Väter, in Anpassung an ihr persönliches, von der Zeit gewandeltes Empfinden betätigt haben. Doch auch hier bleibt der „Vereinigung für das liberale Judentum" ein Feld reicher Betätigung, das die Ortsgruppe 85