Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 5 (1933)
- Issue
- 4-5 (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 43 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 43 ZION Nr. 4*5 ja mit einer starken Taschenlampe ableuchten! Lächerlich, wie die Leute übertreiben» — Aber er wird sich wundern. Ich war auch drin, nur so 50 Meter weit und sah mich schon vor mehreren tiefschwarzen Löchern, daß ch das Gefühl hatte, hier mit Jules Verne die Reise zum Mittelpunkt der Erde antreten zu können. Wie, wenn man mit einem sehr langen Drahtseil hinein stiege, damit man den Ausgang wiederfindet. Es wird aber nicht ohne Grund erzählt, daß schon viele da nicht wiedergekommen sind. Bestimmt nicht nur, weil sie sich verlaufen hatten. Es ist wahrscheinlich, daß diese Höhle bis unter den Tempelplatz führt. Da werden wohl unterwegs unzählige Zugänge zu arabischen Wohnhöhlen sein — aus denen man vor hundert Jahren ebensowenig wieder herauskam, wie heute. Früher war der Kalkfels darin noch weiß, sodaß man angablich ohne Licht durchgehen konnte. Gruselig aber interessant. Solche Höhlen, wenn auch wohl weniger tiefe, gibt es in und vor der Stadt unzählige. Manche werden von Quellen durchlaufen, in denen heute die Araberinnen Wäsche waschen wie in vergangenen Zeiten. Andere zeigen, wenn man sich an das Dunkel gewöhnt hat. Einschnitte in Sarggröße, das waren mal Gräber. Anekdoten über diese Höhlen reichen bis in die Römerzeit — nicht immer salonfähig. — Aber auch «über Tag» ist die Altstadt eine tolle Erfindung. Das ganze Gebiet in weniger als einer halben Stunde zu durchqueren, aber so übereinander geschichtet und geschachtelt, daß man darin das Gefühl hat, in einer Riesenstadt von Höhlen, Ausfalltürchen, Verstecken iind Mausefallen zu laufen. Rechts ein schwarzer Gang, links eine verwitterte kleine Tür, fünf Schritte weiter das gleiche, dazu vergitterte Fensterläden aus der Haremszeit, vor dir ein leisetretendes Individuum unbestimmter Färbung und ohne Gesichtsausdruck, hinter dir auch, dazwischen Eselchen, plötzlich aufschreiende Treiber, Mönche, dann eine weisse Tafel aus Marmor mit Goldbuchstaben, darauf weisend, daß hier etwas aus dem Evangelium vor sich ging, dann eine Gruppe verschleierter Frauen, ein Eingang zu irgendeiner der unzähligen sephardischen Synagogen, alles dicht um den Tempelplatz, oft nur durch ein schmales Fensterchen einen Blick erhaschend von diesem Heiligtum, das die Araber jetzt fest verschlossen halten. Ein bischen komisch schon, wenn man aus einem uralten Betstübchen plötzlich den herrlichen Platz der Omarmoschee erkennt, hundert "^Schritte vor einem und daneben, dahinter, darüber noch mehr solche Betstübchenfenster, alle ängstlich auf ein Bischen Blick aufs Heiligtum bedacht, und alle verwittert, zähe, verbissen wie steinerne Hunde und Katzen. Damit nur ja keines dem andern seinen seit Jahrhunderten verteidigten Ausblick wegstibizt! Die Kurden, Bucharen, Spaniolen, Chassidim, die Mystiker, Kabbalisten, die Katholiken die Moslemiten. Eng aneinander und übereinander gedrückt, aber alle eiskalt und mißtrauisch gegen den Nachbarn, alle steinern, uralt, voll verhutzelter, zerissener, zerfalteter, verstaubter Gesichter und Folianten. Und alle unablässig um den Messias betend und forschend, den vergangenen und zukünftigen. Und zwischen ihnen allen, über ihnen und unter ihnen dieser unverwüstliche zähe stumme Felsen, bleich vom Schicksal und tausend Jahren Sonnenbrand: die heilige Stadt. Wenn es auf Erden Unsterblichkeit gibt, liegt sie hier eingeschlossen. In den tausendsprachigen Gebeten dieses Steinhaufens wird der Gott der YVelt für all die Bosheit und Dummheit der Erde reichlich entschädigt. Auch dafür, daß die neuen Juden dieses alten Landes nicht klüger und feiner geworden sind seit ihrem Anbeginn. Diese Stadt läßt alles Geschehen zu Nichts werden. Heute die Moslems, Gestern die Römer, Vorvorgestern die Juden — morgen dasselbe in andern Uniformen. Keiner braucht zu drängeln, jeder kommt mal dran, hier Geschichte zu machen! Noch keiner blieb stärker als der Felsen Jerusalem... — Und dann taucht der Wanderer hervor aus dem Gewirr von tausend Fällen, tausend Gerüchten und tausend Geschichten in die Oberwelt der Missionare, englischen Soldaten und Judenvillen, die, luftig und aufschneiderisch, die Hügel ringsum besetzt halten, und sieht auf der Spitze links die jüdische Universität, in der Mitte das berühmte Kloster Getsemane und rechts die Burg des Oberkommissars und ist gar nicht mehr so erstaunt, daß dieser Fels von Jerusalem sich das alles gleichzeitig gefallen läßt. Er hat sich schon ganz anders gefallen lassen, als Bücher, Professoren, Mönche und Soldaten, die hier ihr Geld und die Seligkeit verdienen. Dem Felsen ist das alles gleich. — Wer das Werk der Menschen in seinem rechten Wert kennen lernen will, komme nach Jerusalem und verlaufe sich am Tempelplatz. Da wird er still werden und sehr ernst. Hier in der heiligen Stadt hat alles Spiel, das ganze menschliche Affentheater sein Ende. Wer seine Aufgabe als Glied des Ewigen hier nicht erfaßt, verdient keinen Steinsarg in den Höhlen Jerusalems. Hier dürfen nur die sterben, die zuvor