Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 4 (4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 44 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 44 Z I 0 N Nr. 4 an der Konferenz nicht beteiligen zu wollen, da sie die Konferenz unter den heutigen Umständen nicht mehr für nötig erachten. Einige Tage später erfährt die Oeffentlichkeit, daß der Generalsekrelär des Komitees, Herr Rabbiner Dr. Lewensteiii. Zürich, sein Amt niederlege, da er auch jetzt noch die Konferenz der Gemeinden für notwendig halle. Uns scheint dies eine recht unerfreuliche Phase im jüdischen Kampf gegen die Kalenderreform zu sein. Ist es denn wirklich nicht möglich, daß vier Rabbiner (außer den oben angeführten Herren gehört auch Rabbiner Dr. Fürst, Wien, dem Komitee an) an einer das jüdische Gesamtinteresseso stark berührenden Sache tätig sind, ohne in Differenzen miteinander zu geraten, die in der Oeffentlichkeit ausgetragen werden müssen? Und hat nicht eigentlich die jüdische Oeffentlichkeit ein Anrecht daran, wenn sie schon von dem Streit unter den Herren des Komitees unterrichtet wird, auch zu erfahren, welche Gründe die beiden Oberrabbinen von England und Frankreich veranlaßten, von dem Plan der Gemeindekonferenz abzukommen? Warum die Flucht in die Oeffentlichkeit mit dem Negativen, dem Streit unter den Rabbinen, ohne das Positive, den Stand der Kalenderreformfrage, der brennend interessierten Judenheit bekannt zu geben? Die ganze Arbeit dieses Komitees hat sich Bisher in reichlichem Maße der Kontrolle der Oeffentlichkeit entzogen, sie wurde hinter verschlossenen Türen von den Herren gemacht mit den Methoden der Geheimdiplomatie und des Stadlanuth. Und die Oeffentlichkeit, der die bevorstehende Gefahr für das Judentum gar nicht recht 'zum Bewußtsein gebracht wurde, verließ sich darauf, daß die. angesehenen und wohlmeinenden Herren, die die .Sache übernommen hatten, sie auch gut machten\ was sie eigentlich taten, was sie erreichten und was ihnen mißglückte, davon kam nicht viel zur Kenntnis des Publikums. Auf dem Kongreß der Schomre-Schabbos- Weltorganisation hielt Herr Rabbiner Dr. Lewenstein ein Referat über den Stand der Kalenderreformfrage, in dem er das Fiasko des Komitees offen und ehrlich zugab. Seine Methoden, von denen er erzählte, machten alles eher als einen angenehmen Eindruck. Es drängt sich die. Frage auf, soll man die sich streitenden Herren bitten, ihren Streit beizulegen und gemeinsam weiterzuarbeiten, oder i?t nicht vielleicht dieser Streit ein zu begrüßender Zufall, der es ermöglicht, die Arbeiten gegen di'j Kalenderreform in andere, von der Oeffentlichkeit, um deren Lebensinteresse es hier geht, etwas mehr kontrollierbare Hände zu legen? Das hat nichts damit zu tun, daß man den Herren, die bisher viel Arbeit indiese Sache hineingestecH haben, nicht dankbar für ihre Leistungen ist. Aber von diesem Dank war auf dem Schabbos-Weltkongreß ein bischen reichlich viel zu hören, und man muß sich ernsthaft fragen, ist Dankbarkeit: hier das Wesentliche oder kann nicht einfach! gefordert werden, daß diese Arbeit von berufenen Männern gemacht wird und zwar ohne Empfindlichkeit, ohne Gereiztheit, wenn einmal Anschauungen auseinandergehen. Jedenfal7s darf es nicht lange so weitergehen, daß der Kampf gegen die Kalenderreform in den Hintergrund tritt hinler den Kampf der Kämpfer gegen diese Reform unter- und gegeneinander. Die Maskir-Spende. Von Lotte Heinemann, Breslau. Ich möchte von einer Einrichtung sprechen, die den Vorzug hat, sich in unserer Ortsgruppe schon seit mehreren Tahren sehr bewährt zu haben. Bei der viermal Im Jahre stattfindenden Seelenleier geloben wir jedes Mal eine Spende. Diese dein Andenken unserer Väter und Mütter, unserer Liebsten und Besten geweihte Spende möchten wir gern einem besonders schönen und edlen Zweck zuführen. Wie könnten wir sie besser verwenden, als wenn wir sie der Erziehung unserer Palästinajugend widmen! Unsere Misrachi-Frauenortsgruppe. die unter der tatkräftigen Leitung von Frau Lucie Möller sich sehr befriedigend entwickelt hat, hat es sich zur Aufgabe gestellt, diese Spenden dreimal jährlich zu sammeln. Wir wenden uns hierbei nicht nur an Misrachisten, sondern auch an cr.D -Zionisten und Konservative. Trotzdem die wirtschaftlichen Verhältnisse in Ostdeutschland gewiß schwierig genug sind, kommt es selten vor, daß man uns diese Spende verweigert. Jede der Damen unseres Kreises erhält eine Liste, deren Namen sie selbst auswählt. Die betreffenden Personen werden unmittelbar nach den Festtagen entweder persönlich oder durch Boten aufgesucht und die Spenden regelmäßig einkassiert. Wir erha'ten auf diese Weise eine jährliche Einnahme von über iooo (tausend) Mark und haben nebenbei noch den moralischen Erfolg, auch Fernstehende für unsere Ideen gewonnen zu haben. Vielleicht ließe diese Einrichtung sich auch auf andere Ortsgruppen übertragen. „Das Experiment des Judentums. Berlin, 14. April. (J.T.A.) Am Sonntag, dem 12.. April, sprach Ministerialrat Hans Goslar im Logenhaus im Rahmen der von der Jüdischen Gemeinde veranstalteten religiösen Vorträge über das Thema „Das Experiment des Judentums". Ausgehend von der Pessach-Erzählung legte der Vortragende die Entwicklung des göttlichen Elements dar, durch das ein Sklavenvolk zu einem Volk gemacht werden soll, das in Gottesnähe ein Leben geistiger Leidenschalt führt. Der Auszug aus Aegypten kennzeichnet äußerlich das Ende der Sklaverei, innerlich das Ende eines Zustandes eines bloßen hindämmernden Vegetierens. Das Gesetz, mit dessen Hilfe das Volk seine neue Bestimmung erfüllen soll, muß ihm zunächst aufoktroyiert werden. Immer wieder wird die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Aegyptens, nach geistiger Unverantworllichkeit wach. Erst spater empfindet das Volk das Gesetz als etwas Eigenes, aus ihm selbst Emporgewachsenes. Die innige Verbindung mit dem Gesetz hält den Einzelnen im Mittelalter davon ab, durch Hinaustreten aus dem Ghetto äußerem Druck zu entgehen. Am Beispiel einer Reihe von Komplexen des Gesetzes, wies sodann der Redner ,die lebensreformatorische Wirkung des Gesetzes nach. Den heute lebenden Juden fällt die Aufgabe zu, zu zeigen, daß sie sich in geistiger und körperlicher Freiheit ebenso zu bewähren im Stande sind, wie sich ihre Vorfahren in Zeiten der Not bewährt haben. Die Ausführungen des Redners wurden von dem zahlreichen Auditorium mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Verantwortlich für die Redaktion: Alexander Adler, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. — Verlag des „ZION": Alexander Adler, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. — Druck: Itzkowski & Co., Berlin N 24, Auguststr. 69.