Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 4 (1932)
- Issue
- Heft 8 (August 1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 72 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 72 Z 1 O N Nr 8 Regel höchst billige Gründe, mit denen man sich zufrieden gibt, Gründe, die solchen Schritt in irgendeiner Weise als Ueberläufertum brandmarken, im übrigen aber den Fall als durchaus privat erscheinen lassen sollen. Diese Stellungnahme wäre berechtigt, wenn es sich bei den Menschen, die diesen Frontwechsel vollziehen, um moralisch und geistig minderwertige Elemente handelte. Bei hochwertigen Individuen aber, und um solche handelt es sich in diesen Fällen meist, ist der Wechsel der Weltanschauung nicht mit einer Handbewegung abzutun. Lange innere Kämpfe sind vorausgegangen, von denen mancher wackere Gläubige keine Ahnung hat, was nicht unbedingt als Verdienst gewertet werden muß; Kämpfe zwischen den 2 Seelen, die in der Brust jedes Galuthjuden wohnen, auch wenn er sich darüber nicht klar sein will. Es ist gewiß eine ertiabene Anschauung, daß die geistige Aufgabe, die dem traditionsgebundenen Juden aufgetragen ist, hoch über den zeitbedingten Problemen stehe und allein unserer Mühe wert sei (soweit dieser Verzicht nicht ein unbewußter Akt der Selbsterhaltung ist). Es fragt sich jedoch, ob wir auf die Dauer wirklich in der unsinnlichen Welt des Geistes leben und uns so ganz und gar den brennenden Problemen des Tages entziehen können, ja ob wir es dürfen. Die messianische Hoffnung, deren Erfüllung wir zeitlich nicht bestimmen können, enthebt uns nicht der Verpflichtung, uns in der Welt, in der wir jetzt leben, zurechtzufinden und an ihrem provisorischen Aufbau Hand anzulegen. Es ist eine Gefahr darauf zu pochen, eine ganz eigene geistige Atmosphäre um uns zu haben, die uns von der Umwelt abhebt, und daraus zu schließen, daß unsere gesellschaftliche Struktur irgendwie einmalig ist und wir letzten Endes keine Beziehung haben zu den Versuchen der nichtjüdischen Welt, in das morsche Gefüge der sozialen Wirklichkeit verbessernd einzugreifen. Eine letzte seelische Verwandtschaft ist ja garnicht notwendig, um weitgehend in der Konzeption grundlegender sozialer Ideen übereinzustimmen. Von einer falschen Perspektive zeugt es auch, wenn man darauf hinweist, daß wir mit der Thora das vollendete soziale System schon vorgebildet haben und daher nicht mehr um andere Weltverbesserungsversuche ringen müssen; für eine allgemeine Anwendung, das besagt der Begriff „Gallith'1, kommt das jüdische Gesetz doch zunächst nicht in Frage, und gerade das allmenschliche Leid ist es ja, das dem jungen Juden auf der Seele brennt. So wird ihm dann der Marxismus immer mehr zur Lösung, die seinem sozialen Bedürfnis am meisten entspricht. Nachdem er zunächst eine naive Verschmelzung der beiden Weltanschauungen vorgenommen hat, muß er bald zu seinem Leide etfahren: Eng beieinander wohnen die Gedanken, Doch hart im Räume stoßen sich die Sachen. Von beiden Seiten wird ihm mit Mißtrauen, begegnet. Er weiß nicht, daß die beiden feindlichen Fronten, die sich herausgebildet haben, noch lange nicht einer absoluten Wesensfremdheit beider Ideologien entspringen müssen, sondern der zufälligen augenblicklichen Stufe ihrer praktischen Verwirklichung entsprechen könnten. In diesem Zwiespalt entscheidet er sich, gerade dank seinem echt jüdischem Erbgut sozialen Empfindens, für den Kommunismus und geht dem Judentum verloren. Er geht dem Judentum verloren, weil man. ihn allein läßt im kritischen Augenblick, wenn er sich einem Entweder-Oder gegenüber sieht, weil auf geistigem Gebiete das Gesetz aus der Mechanik nicht gilt, daß Druck und Gegendruck gleich sind und also nicht genug getan ist, wenn man nur den jüdischen Stoff gibt ohne Beziehung zu Zeitideen, was das Gefühl des isoliertseins erzeugt und unreife Lösungen begünstigt; weil man noch nicht erkannt hat, daß das Problem, um das es hier geht, einer grundsätzlichen Klärung bedarf, einer Feststellung, ob es sich wirklich um ein unerbittliches Entweder- Oder handelt, oder ob wenigstens theoretisch eine Synthese möglich ist. Hierzu Stellung zu nehmen, wäre schon der Mühe wert. Dr. Chanan Lehrma n n. Fortsetzung folgt Helft dem Keren Kajemeth Lejisrael Verantwortlich für die Redaktion: Dr. S. Chononowicz, Berlin N 54, Rosenthalerstr. 55 — Verlag des „ZION": Dr. 5. Chononowicz. Berlin N 54, Rosenthalerstr. 55. — Druck: Fürst, W30, Goltzstr. 26