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Zion · 1931-10-01 · 8-9 (10.1931) · p. Seite 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
3 (1931)
Issue
8-9 (10.1931)
Date
1931-10-01
Page
Seite 84 (sequence 10)
Language
German
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Seite 84 7a 1 O S -Nr. (879 müssen jetzt an die Arbeit gehen. Schon viel zu lange hat. sie still gelegen. Mit dem Willen der Organisation konnten wir die Sanierung nicht durchsetzen. Jetzt werden unsere Freunde gegen diesen Willen Mittel und Wege zu finden wissen, das inisrachisii>che Ideal zu verwirklichen innerhalb einer gereinigten Atmosphäre. Sch. J. Agnon Von E. M. Lipschitz (übersetzt von Helene Barth) Es gibt SchriilsteH«'. in deren Werk sich der ganze Mensch ausdrückt: andere hüllen sich in ihr Geheimnis. Zuweilen beruht d:e Offenbarung der schaffenden Persönlichkeit auf Einfachheit, auf Größe, ein andermal drückt sie nur Oberfläche aus. Manchmal deckt die Hülle Schätze, ein andermal ist sie nur Kalkdecke über Gräbern. Man hat den Schriftsteller Sch. T. Agnon sehr verschieden aufgefaßt. Den einen ist er ein Großer des Liedes und der Erzählung, in dessen Schöpfung Schönheit lebt, die nicht ephemer ist (Frischmann sagte mir über ihn: Er ist der Größte in unserem Kreise. Und Frischmann War wahrlich in Stil und Wesen ihm fern.) Demgegenüber: Ablehnung und völlige Versvändnislosigkeit. Aber gerade diese verschiedene Einstellung zu Agnon fordert zu eingehender Untersuchung auf. Agnon gehört nicht zu den Schriftstellern, die ihr Innerstes durch ihre Sprache verhüllen: liier ist kein Geist der sich im Schreiben verbirgt. Er fordert zum Eindringen in seine Wunde; well, auJ> deren Tore er geöffnet hat. Wer aber die Eigenart seiner Welt nicht kennt, dem ist sie mil sieben Siegeln verschlossen. Das Geheimnis der Kritik ruht im Reichtum von Maßstäben, die dem Kriliker zur Verfügung stehen. Aus dieser Fülle schöpft er immer von neuem, sucht die Urgestalt. um den Schaffenden zu messen. Agnon gegenüber versagen die Mußstäbe unseres Geschlechtes. Wie viele von seinen Schöpfungen führen ihn und uns aus diesem Geschlecht \on Epigonen heraus. Die sehöpfeiische Persönlichkeit, die in seinem Werke hervortritt, können wir nur mit den geschlossenen, hohen Gestalten vergangener Geschlechter vergleichen. Die Seele der alten Geschichtenerzähler ist den Kritikern unseres Geschlechtes fremd. Sie war naiv, man glaubte an das, was man hörte und schaute und erzählte, weil man glaubte. Hier ist ein Erzähler vor uns, dem zu Zeiten sein eigenes Geschlecht so werktäglich erscheint: da geht: er heimlich aus seiner Zeit heraus, seine Seele wandert zu naiveren Geschlechtern und erzählt ihnen ihre Geschichte, ihnen, sich selbst. Er selbst gehört in ihr Geschlecht, als sei er aus jenen Tagen übrig geblieben. Die meisten der" Kritiker sahen nicht das epische Element in ihm und hörten seine wirkliche Stimme nicht. Denn die Lyrik begleitet ein anderer Klang als die Epik. Heute gibt es nur wenige, die zu erzählen wissen: die meisten Erzähler leben nicht in der Welt der Erzählung. Der Ivrischc Ton in ihrer Erzählung, zeugt widei sie, und nur der Essay, die Skizze ist ihr Gebiet. In ihnen ist nicht die Ruhe, in ihrer Seele nicht die Unschuld, um den Ereignissen zu lauschen, die Fülle der Geschehnisse zu schauen. Fast allein steht Agnon da: seine Schöpfung ist die Erzählung, in ihm ist Ganzheit der Epik Und Freude am Gesehehen. Er war dort und lebte und schallnahes mit seinen Augen: er schafft Geschehnisse wieder, die in längst vergangenen Zeiten waren. Und als er seine Seele hineintat in die zehn Gewände», die den Menschen einhüllen, ging der Mensch selbst unter seiner Lland nicht verloren, das Innerste«, das Reine, im Mensch mi. Den Problemen der Dichtung Nahestehende aus anderen Völkern, denen jüdische Form fremd Ft. sehen in ihm gerade dies überraschend Epische und sind verwundert. Leber seiner Schöpfung liegt Ruhe, die sich am Kleinen freut. Fr sieht die Fülle der Einzelheiten im Alltagsleben der Menschenwelt. Dem. das ist das Geheimnis des Sehenden: je größer der Mensch, desto mehr wird der Umkreis seines Schauens wachsen, wird er kleinste Einzelheilen erfassen, wird er die wahren Farben der Dinge erkennen. Mit der weite der Schau wuchst der Dichter: nur er erschaut das wahre Sein, die Einzelheiten des Geschehens und seine i<Jta!i'.'it. Agnon hat viel und in neuen Farben gesehen und mil neuem Gesicht: er lehrt uns zu seilen und zu erzählen. Die Freude am Gesehehen und ,u> der Erzählung beleuchtet sein Lied. Diese Ruhe der Xaiuiäi. die nicht: von unserer Welt hi. gibt der Persöiiliehkeil in seinem Werke Einheit. So erscheint immer wiedei eine Versöniiehkell. selbst wenn sie in einer Welt nach der anderen lebt. Er scheint sich bewußt zurückzuhalten, in eine Erzählcrpcrsöiilichkcil einzugehen. die nicht er selbsi ist. Mcndeic Mocher Sfarim schuf die Persönlichkeit des R. Mendele. die nicht er selbst ist. Das ist für sich eine große Schöpfung,-—möglicherweise seine größle: aber es ist eine Gefahr in dieser Festlegung. Agnon ist nicht zu di sei- Kristallisation gelang!, zu dieser Größe und zu dieser Gefahr. Nicht richtig ist. daß Agnon nur eine Welt gesehen habe. Neben seiner ersten Well, aus der er kommt, isi noch eine andere. (..Der, Saudhügel"). Wenn er in dieser zweiten Welt w au dert, hat er eine andere Stimme. Und doch i-t. er einer in allen Welten, die er gesehen hui. in seiner epischen Ruhe, in der Stille seiner Seele.

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