Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 3 (3.1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 32 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 32 ZION Nr. 3 leichter geworden. Die Unterdrück tngen der jüdischen Religion, die offizielle und halboffizielle Propaganda gegen alles Religiös-jüdische, die seelischen Leiden des russischen Judentums sind dieselben geblieben. Fast scheint es keinen Weg zu geben, unseren Brüdern zu helfen, jedenfalls sieht man noch keinen Weg. Aber die außerhalb Rußlands lebende Judenheit muß wenigstens wissen, was drüben geschieht, um, wenn doch einmal eine Möglichkeit zum Eingreifen oder auch nur zu lokaler Hilfe gegeben ist. bereitstehen, diese Hilfe zu gewähren. Wir bringen deshalb von Zeit zu Zeil Nachrichten über cjie in Rußland vorkommenden Religions Verfolgungen. Uns geht eine kleine Schrift zu: Als jüdischer Flüchtling durch Vo rderasien von J. Margosch es. Diese lesenswerte kleine Broschüre kündigt ein größeres Werk an, das sich ganz ausführlich mit der Frage des russischen Judentums befaßt. Durch den Verkauf der Broschüre, die 50 Pfg. kostet und durch den Verlag des „Zion" zu beziehen ist. sollen die Kosten für den Druck und Verlag des Buches aufgebracht werden. Im nachfolgenden bringen wir einen A szug aus einigen Kapiteln der Broschüre. * Auszug aus der Broschüre: Als jüdischer Flüchtling durch Vorderasien. Katastrophal ist die Lage des Judentums in Rußland. Täglich erschüttern uns neue Nachrichten über den wirtschaftlichen Ruin der russischen Judenheit, über ihre physischen und seelischen Leiden, über das neue Galuth, das ihnen die sozialistische Befreiung gebracht hat. Dreizehn Jahre sind seit der Oktoberrevolution verflossen. Jahre des Hungers, der Kälte, der Not und Entbehrungen, des Grauens und der Verzweiflung — und es besteht noch immer keine Aussicht auf eine Besserung. Geschwunden ist für immer alle Hoffnung; die größten Optimisten sind stumm geworden ob des Elends und glauben kaum noch an die Möglichkeit einer Rettung. Zweieinhalb Millionen unserer unglücklichen Brüder sind in Rußland dem Untergang geweiht, Menschen, die den wertvollsten Teil des jüdischen Volkes ausmachten, mit eigener schöpferischer Kraft, Menschen, die Erneuerer waren der hebräischen Sprache und Vorkämpfer einer jüdischen Renaissance in Palästina. Sie gehen unter im Lande des Sonnenaufgangs, isoliert von der übrigen Judenheit, einsam und verlassen, ohne Schutz und ohne Hilfe. Das in London bestehende Hilfskomitee zur Unterstützung russischer Juden, die ».Ukrainer Federn lion" entsandte kürzlich seinen Sekretär, Mr. M. Kaiser, zu einem Besuch in Rußland. Nach seiner Rückkehr sprach er über den Untergang der russischen Juden in einer öffentlichen Versammlung in Paris und schilderte lebhaft seine Reiseeindrücke. Viele Zuhörer — heißt es — haben dabei geweint, andere konnten nur mit Mühe die Tränen unterdrücken. Grauenhalt war diese Schilderung, aber viel grauenhafter noch ist die Wirklichkeit selber, die sich in Worte kaum fassen läßt . . . Zu diesen schweren ökonomischen Bedingungen gesellt sich noch ein verzweifelter Kampf für die national-religiöse Existenz. Nach der Theorie Lenins, des Begründers des Bolschewismus, ist ein Volk eine Vereinigung von Menschen, die durch den Besitz eines Landes und einer Sprache verbunden sind. Nur ein solches Volk hat das Recht auf Selbständigkeit. Das jüdische Volk, das kein Land besitzt, das alle umlal.'it. und keine Sprache spricht, die das Volk vereinigt, hat. auf Grund dieser Theorie kein Recht auf Selbständigkeit. Also muß es sich assimilieren. Religion wird „Opium" für die breiten Massen genannt, die sie verdummt und für den proletarischen Klassenkampf unfähig macht. Deshalb wird auch sie bekämpft. Die jüdische Religion wird in der Sowjet- Union mit dem größten Fanatismus bekämpft, besonders durch große antireligiöse Propaganda, die sogar vor Gewaltmitteln nicht zurückschreckt. Arbeiter mit. religiöser Gesinnung werden aus den beruflichen Verbänden ausgestoßen, oft werden sie von der Arbeit entlassen oder mit schweren Steuern gedrückt usw. Das Volk ist hilflos. Es muß kapitulieren. Sabbath und jüdische Festtage werden nicht gehalten. Synagogen werden requiriert und anderen Zwecken zugeführt und die, welche geblieben sind, werden wenig besucht. Die Vorschriften betreffs „Kaschruth" werden täglich übertreten. Der Prozentsatz der Mischehen hat. sich bedenklich vermehrt. Die Kinder, die aus solchen Fhen hervorgehen, sind nicht mehr jüdisch. Auch bei rein jüdischen Ehen findet die Trauung nicht nach jüdisch-religiösen Vorschriften statt, sondern nach dem russischen Zivilgesetz. Sehr oft wird die Beschneidung der Kinder nicht durchgeführt. Die Erziehung der Kinder ist derart, daß die Kinder nicht nur von den religiösen Ideen ihrer Eltern abgewendet, sondern meist zu Verrätern an ihrem eigenen Volke erzogen werden. Wie traurig es auch ist, so muß doch gesagt werden, daß dieser Vernichtungsfeldzug von unseren eigenen Brüdern ausgeht, die sich von ihrem Volke absonderten und sich den Reihen der kommunistischen Partei anschlössen. Diese erklärt alle Juden, die au ihren Arbeiten keinen direkten Anteil nehmen, als Feinde des Proletariats; den Zionismus und die hebräische Sprache als konterrevolutionär.. Alle im Dienste der hebräischen Renaissance Stehenden, der Palästina-Idee Zugetanen, weiden als Agenten einer feindlichen Macht betrachtet, die nur die Ideen des englischen Imperialismus in Rußland verbreiten wolien und als solche streng lies traft. Nun lassen sich Sitten, die jahrhundertelang im Volksleben verwurzelt sind, nicht, so leicht durch Dekrete abschaffen. Auch mit Gewaltmitteln ist es schwer ihnen beizukommen. Je größer die Verfolgung, um so stärker die Kraft der Verfolgten. Tausende junger Menschen, die sich und ihr Judentum bejahen, schließen sich —• da es legal verboten ist — zu illegalen Organisationen zusammen, um unter Lebensgefahr, bei äußerst schweren Bedingungen, auch in Rußland den Kampf für die jüdische Renaissance zu führen. Schwer ist dieser Kampf und er kostet viele Menschenopfer . . . . Verantwortlich für die Redaktion: Alexander Adler, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. — Verlag des „ZION": Alexander Adler, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. — Druck: Itzkowski & Co., Berlin N 24, Auguststr. 69.