Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 10-11 (10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 137 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10/11 Z I O N ischen Judentums gelten. Es ist daher berechtigt und notwendig, daß auch in diesen Blättern, ii denen di - wichtigsten Aufgaben und Probleme des Gesamt judcnt ums gezeichnet und bewertet werden, die Stellung des deutschen Misrachi zu diesen Wahlen näher umschrieben wird. Zunächst sei etwas Grundsätzliches vorausgeschickt: daß misrachistische Arbeil sich nicht allein auf Arbeit in und für Paliislina erstrecket kann, sondern auch das ganze Gebiet der Galutharbeil umfassen muß, dürfte unbestreitbar sein. Ohne auf divergierende Anschauungen im einzelnen einzugehen, muß auch betont werden, daß vom ideologischen Standpunkt des Misrachi aus Mitarbeit in den Gemeinden z u n ä c h s t und v o r all e m eine solche in den Einheitsgemeinden bedeutet. Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß gerade die spezifische Misrachi-ldeologie von der Einheil des in seinen Gliedern noch so vielartig gestalteten jüdischen Volkes ausgeht (,.Zion" Nr. 5 ..Zur misrachist ischen Ideologie''). Wo als;; steht der Misrachi in der Partei- Konstellation der jüdischen Gemeinden? Auch diese Frage kann vom ideologischen Gesichtspunkt ai.s beantwortet werden. So wie der Misrachi innerhalb der zionistischen Organisation steht, weil s i e die gemeinsame nationale Plattform darstellt, auf der a 1 1 e Juden an der Gesamtheit nationaler Aufgaben des jüdischen Volkes mitarbeiten können, so ist auch in der Galutharbeit und besonders in der Gemeindearbeil der Platz des Misrachi dort, wo der Aufgabenkreis der jüdischen Gemeinden aus der nationalen, d. h. r e 1 i g i ö s - n a t i o n a 1 e n Einstellung zu den jüdischen Fragen resultiert. Zu welchen praktischen Konsequenzen dieser theoretische Standpunkt führt, soll nachher gezeigt weiden. Wie war die geistige Haltung der jüdischen Gemeinden in Deutschland bis in den Anfang der Nachkriegszeit "hinein? Aus den einst blühenden der Reform, die. sicher vom besten Willen bejüdischen Gemeinden, die im Mittelalter und zum Teil bis an die Schwelle der Neuzeit für die Kultur des religiösen Judentums Erhebliches und Wertvolles beigetragen hatten, waren mehr oder minder Vei waltungsmaschinen geworden, deren Aufgabe sich darauf beschränkte, für die synagogalen Bedürfnisse der Gemeindemitglieder zu sorgen, eventuell auch hier und da philantropische und humanitäre Aulgaben zu erfüllen. Die Emanzipationszeit und die mit ihr einsetzende rationalistische Welle in Westeuropa hatte zur Folge, daß die großen religiösen Werte überhaupt und insbesondere die Werte unserer jüdischen Tradition in der Achtung ihrer Bekenner sanken. Es kam jene Zeit der Reform, die. sicher vom besten Willen beseelt, versuchte, dem unvorbereiteten Zusammenstoß der alten jüdischen Kulturwelt mit der neuen dadurch zu begegnen, daß man den Zusammenhang mit der Geschichte unierbrach, lebenswichtige Fundamente unseres Judentums einriß, so daß nur noch etwas Schemenhaftes zurückblieb, das mit mehr Recht als Konfession bezeichnet zu werden verdient, als mit dem. was unter dem Begriff jüdische Religion zu verstehen ist. Die P'olge dieser Entwicklung war. daß ein Geschlecht heranwuchs, das nun seinerseits bestrebt war, auch in den Gemeinden dieser neuen ..liberalen'' Auffassung zum Siege zu verhelfen.' Die kleine Minorität, die am allen festhielt, war zu schwach und auch zum Teil innerlich nicht kräftig genug, um den geistigen Kampf mit dieser Reform aufzunehmen. Nur an vereinzel en Stellen gelang es, durch das Mittel der SohitUmg von Austrittsgemeinden der großen Gewissensnöte, die durch das Fehlen aller religions-gesetzlieh erforderlichen Institutionen auftraten, Flerr zu werden. Die große Masse des deutschen Judentums jedoch blieb hiervon fast unberührt. Es wuchs eine Jugend: heran, die aus den Quellen jüdischen Wissens nur wenig geschöpft hatte, die Werte der Tradition also nicht kannte, und so begann jener verhängnisvolle eirculus vitiosus. bei dem man meinte, durch immer neue und weitergehende Reformen auf das Nichtwissen Rücksicht nehmen zu müssen. Das Hebräische wurde immer mehr aus den Gebeten zurückgedrängt, es drohte nach dem Verlassen des Religionsgesetzes hierdurch auch noch der letzte große Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft, die Sprache des Gebetes, verloren zu gehen. Da kam gegen Ende des Jahrhunderts der Anfang der nationalen Renaissance: der Ruf nach Rückkehr in das alte Land, der Ruf nach Wiedererweckung nationaler Kultur. Wenn auch die politische Idee bis zum Kriege von der Masse der deutschen Juden als Utopie ''verlacht oder gar befehdet wurde, so hat doch schon damals der Zionismus eine stärkere Beschäftigung mit den kulturellen Werten tles Judentums zur Folge gehabt. Und nun kam der große Weltkrieg und damit die Umwertung so vieler Werte. Auch die deutsche Judenheit mußte erkennen, daß sie ein Glied des gesamten jüdischen Volkes darstellt und daß. wenn ein Glied dieses Volkes leidet, auch sie an diesem Leid teilhat. Und auch d i e Erkenntnis brachte das Grauen des Weltgetümmels, daß Streben nach materiellem Glück allein zu Konflikten und zum Unglück führen muß. Neben der Welle einer mystischen Reaktion auf diesen Materialismus der Vorkriegszeit ging durch das deutsche Judentum ein Sehnen nach echter, tiefer Religiosität, die nun gepaart war mit der Erkenntnis, daß Judentum nicht ausgeschöpft ist in dem Begriff R?!igion. daß auch das deutsche Judentum teilhaben muß an