Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 8 (8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 108 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 108 Z I 0 N Nr. 8 mehr wieder mit moderner Methode und Blickrichtung, sind seine textkritischen Bemerkungen (in der Breslauer Monatsschrift), die Beiträge zu schwierigen Stellen im Sidur, Machsor etc. liefern (übrigens auch Talmudica etc.), und den feinen Kenner der hebräischen Sprache, der an keiner Schwierigkeit achtlos vorbeigeht, bei der Arbeit zeigen. Dieses letztere literarische Schaffen leitet über zu einer überraschenden Produktion: der dichterischen Uebersetzung wie v.on c»-wn *'ir und der Kina ncw ibnf. Aus dem hier trocken gegebenen Bericht leuchtet schon in Umrissen die Gestalt des Mannes hervor: der Talmudist alten Schlages umfaßt eine Reihe Disziplinen. Mathematik ist ihm als Fortsetzung seines logischen Strebens ganz adäquat; die philologischen Bemühungen sind einerseits Ausdruck seines exakten Geistes, dann aber auch in seiner Gewissenhaftigkeit begründet. Seine sittliche Haltung läßt ihn die Themen lieb gewinnen, die die ethischen Motive zum Gegenstand haben, und es rundet sich das Bild durch die reiche ästhetische Begabung, die im Stil — im hebräischen wie im deutschen — zur Geltung kommt, darüber hinaus aber auch zur nachschaffenden Entladung in dichterischen Uebertragungen drängt. Diese Harmonie im Lebenswerk, in der Objektivation seines Geistes, war im Subjektiven, im Leben schlechthin, vielleicht nicht ganz erreicht. Er war nicht so beredt, wie er schriftstellerisch begabt war. Verschlossenheit und eine dem Fernerstehenden als Lebensferne und sogar Schroffheit erscheinende Strenge der Gesamthallung waren wohl nur zum Teil im Tiefsten seiner Natur, in der Keuschheit und Empfindlichkeit seiner Seele, mehr vielleicht in seinem Schicksal, im Erleben begründet. Er reagierte auf manche Schickungen in einer Weise, die als Abschließung vor der Welt gedeutet wurde. Ich, als einer derer, die ihm im letzten Lebensjahrzehnt nahe kommen durfte, der ihn verehrte und liebte und — als schönes Geschenk — Liebe und Freundschaft des verehrten Mannes empfing, möchte Zeugnis ablegen für die Geradheit und Schönheit seines Charakters, für die Zartheit seiner Seele, für die Suche nach Leben und Erneuerung bei ihm. Es mag etwas wie Flucht in das Werk bei ihm vorhanden gewesen sein. Er fühlte, daß die Vollendung ihm dort erreichbarer wäre. Aber, es war nichts von Feigheit dabei. Nein, auch im Leben suchte er. ohne vielleicht — als Mann einer früheren Zeit, die noch nicht so selbstgefällig war, und wo der Mensch weniger mit sich selbst kokettierte — das immer deutlich gewußt zu haben, die Einheit und Geschlossenheit seiner selbst. Sie ist ihm gelungen — unter Opfern, unter Schlackenbildungen. Nur wenige haben unter so schweren Bedingungen wie er die Treue zum Judentum alter Prägung, jenes kernhaften, starken, unbeugsamen Menschentums, so einwandfrei mit Menschenliebe und Duldsamkeit gepaart, bei ganz wenigen war der Einheitsgedanke so tief und kompromißfrei verankert. In seiner Zugehörigkeit zur zionistischen Bewegung und vor allem zum Misrachi aber sehe ich die in seinem Leben, in seiner Persönlichkeit vollzogene und gelungene Harmonie, die zunächst nur seinem Werke zu eigen schien. Ohne Zweckgedanken, ganz ohne Utilitarismus kam er zu uns, einem Herzenstrieb folgend. Auch hierbei kam die Entscheidung von innen heraus. Bei denen zu sein, die das Volk erneuern, die Heimat erbauen, die Lehre dort befestigen wollen, war ihm Herzensbedürfnis. Das Politische im engeren war ihm fern, fremd, vielleicht sogar unerwünscht, aber die Sache wollte er mit heiligem Ernst und mit gleichbleibendem Interesse. So war er — wenn auch durch körperliche Leiden gehindert — immer bei uns und mit uns, wenn auch nicht oft unter uns. Nicht nur mit seiner Sympathie begleitete er unsere Bemühungen. Er wirkte mit durch sein Wort, seine Feder. Zu unserer Festschrift vom Jahre 5687 steuerte er einen Beitrag aus seinem eigensten Giftbiete „Kalenderreform und Synhedron" bei, unter Hervorhebung der durch das Aufbauwerk akut gewordenen Fragen. In unserem „Zion" veröffentlichte er eine ausgezeichnete Abhandlung über „Die Heiligkeit der Tempelstätte" (I., 45—48), wo er die Mischna Edajot VIII, 6 neuartig und sehr einleuchtend erklärt und das berühmte Problem umfassend nzb T>n%;b nanpi nnyvb nenp mwutt nvnp behandelt. Hier geht er expressiv verbis von der Palästinasehnsucht unserer Tage aus. Mit warmer Dankbarkeit gedenke ich gerade hier seiner Mitteilsamkeit. Oft hat er mir bei unseren gegenseitigen Besuchen oder bei freudigen Anlässen in meinem Hause einen enn mitgeteilt, den er erst viel später publizierte, so teilte er mir zur r6»o nna meines älteren Sohnes die im M. G.W. J., LXX., 125 t mitgeteilte Bemerkung zur ro"ra: iD^nS s"k bv 1.-VJ23 mit, erzählte er beim ri'->a meines jüngeren Knaben im engsten Kreise den im „Zion" (s. o.) veröffentlichten Gedankengang. Auch war es mir eine Genugtuung, wie freudig er seinerzeit meinem Aufsatz „Ueber den Reichtum" im „Jeschurun". der so viel Aergernis erregte, zustimmte. Das alles führe ich an, um aus dem Leben dieses Mannes, wie es sich im intimen Kreis offenbarte, einige Züge auszuführen, die es liebenswert machen und vielleicht mehr als alles andere nahebringen. Nun ist uns dieser gelehrte, vollendete Jude genommen. Eine Gelehrsamkeit, wie sie heute nur noch sporadisch anzutreffen ist, dazu wissenschaftliche Bildung und ein Kulturniveau, wie es in der Vereinigung mit rabbinischer Weisheit kaum noch vorhanden ist, eine Geradheit und imposante Stärke des Charakters, die immer selten war, Schlichtheit und dazu noch Mitfühlen und pochendes Harren all des noch um Gestaltung Ringenden, ein Sohn des Volkes, ein Frommer, naiv Gläubiger trotz klarem Geist, ein zuverlässiger Freund — das alles war in Eduard Baneth einmalig, individuell zur Reife gelangt. Den Tod eines Großen beweinen wir, weil er, ungeachtet seiner Jahre, uns zu früh genommen wurde, zugleich aber den Untergang einer Epoche, einer riDipn, deren letzter bedeutender Repräsentant in ihm die Erde verlassen hat. Und nur das eine tröstet uns, daß nicht nur sein Werk' lebt und seine Gestalt bei allen, die ihn lieben, sondern daß auch von seinem Wesen etwas Besonderes unzerstörbar ist: ein Teil seiner Persönlichkeit gehört nicht der zu Grabe gegangenen Epoche an, sondern der neuen, in der wir Jungen stehen. Weil er teilnahm an den Renaissancehoffnungen unserer Bewegung, ist er lebendiger als manch anderer seiner Zeit und lebt deshalb in unserem dankbaren Gedächtnis als ein Mittler fort — der Besten einer, die wir je besessen, rraxan. Verantwortlich für die Redaktion: Alexander Adler, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. — Verlag des „ZION": Alexander Adler, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. — Druck: Itzkowski & Co., Berlin N 24, Auguststr. 69.