Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 5 (5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 60 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 60 Z I 0 N Nr. 5 Ablehnung des Palästinaaulbaucs in Zeitungsinseraten kundgetan haben, erblicken wir kaum n o c h einen Unterschied. Beide Anschauungen stellen ein Zerrbild jüdischen Geisteslebens dar und gründen sich auf einer Einstellung, die vergeblich versuchen wird. Massen von Juden zu sich hinüberzuziehen." Es ist von symptomatischer Bedeutung, daß derartige Dinge in einem Misrachiorgan von führender Seite gesagt werden können, ohne schärfsten Widerspruch im Misrachi selber zu finden. Noch bedenklicher wirkt sich das aber auf dem Gebiete der Erziehung aus. als deren Leittendenz die bewußte Erziehung zum politischen Zionismus gefördert wird. Während jeder Jugendliche erst in mühsamer, langer Arbeit mit den persönlichen Fragen fertig zu werden hat. die bei uns durch ihre Verbindung mit jüdischen Momenten und der jüdischen Arbeit überhaupt kompliziert wird, wird hier einseitig die Bedeutung der nationalen. Momente und Erez-Israels in einem Augenblick, in dem die Fähigkeit zur rechten Einordnung in den allgemeinen jüdischen Gehalt noch nicht vorhanden ist, in den Vordergrund gerückt. Glaubt man, eine jüdisch geschlossene Persönlichkeit die ganz in der Tradition wurzelt, mit Mitteln einer zionistischen und angeblich misrachistischen Ideologie erreichen zu können? Wer den Geist des heutigen J. J.W. B. kennt, kann dies einfach nur als Blindheit betrachten, wenn man die Verwandtschaft mit solchen Organisationen auf Grund ihres Renaissance willens, der doch eine ganz andere, für uns direkt negative1) Richtung hat, betonen zu müssen glaubt, anstatt gerade in der Jugend das Verständnis für die nötige Kluft zu schaffen. Hier scheint mir gegenüber der Verschwommenheit im Misrachi und seines Brith Hanoar eine Klärung dringend nötig. Gegenüber einer Haltung in Kreisen der Orthodoxie, die das Gesetz und seine Anwendung auf die jeweilige Zeit als ein unveränderlich starres Verhältnis auffaßt, steht diese Haltung, die die Einmaligkeit und Eigentümlichkeit der heutigen Situation in den Mittelpunkt des Judentums stellen, und alle anderen Werte ihr unterordnen will, in vollendetem Gegensatz. Hier ein richtiges Verhältnis zwischen beiden Extremen zu finden, scheint mir eine Hauptaufgabe des Misrachi! zu sein. Die Thora2) stellt zunächst einmal einen nur absolut zu fassenden, ganz bestimmten Gehalt dar, der für jeden in gleicher Weise und unabhängig ') Unbeschadet eines sonstigen, objektiven Wertes! ihrer Arbeit. 2) „Thora" auch hier im weiteren Sinne genommen. von den äußeren Bedingungen, in denen der einzelne sich befindet, gilt. Das Stieben nach einer echten, in sich geschlossenen, von äußeren Bedingungen unabhängigen Jüdischkeit, d. h. nach persönlichster Aneignung dieses absoluten Gehalts, führt von selber nach Erez-Israel, weil nur dort die Thora die Gegenwart wirklich ganz erfassen und zugleich die Basis einer größeren Gemeinschaft unseres Volkes werden kann. Hierbei besteht natürlich eine tiefe Gemeinschaft mit allen jüdischen Gliedern, deren Wollen auf dasselbe Ziel gerichtet ist, auch wenn sie nicht unsere Konsequenzen anerkennen. Ebenso entsteht aus einem derartigen Streben zur Jüdischkeit der ernste Wille zur Synthese, d. h. in dem Bruche zwischen heutiger Lebensanschauung und Judentum sich nicht in einen Subjektivismus zu retten, sondern bewußt in den entscheidenden Punkten nach Einheit mit den früheren jüdischen Anschauungen und Formungen ernsthaft zu ringen. Nicht die Verschiedenheit früherer Einstellungen zueinander wären zu betonen, und etwa damit auch heute bewußt das Gehen anderer Wege zu rechtfertigen. Diese Verschiedenheiten zu dem Früheren sind auch ohnp unser Zulun vorhanden, gerade deshalb sollten wir sie nicht zu stark herausstreichen und wie bei einer Perspektiven Betrachtung räumlicher Figuren muß uns das Fernere gleichwertig erscheinen. (Beseelte etwa Rambam und Rawed trotz größter Verschiedenheit im einzelnen nicht derselbe Wille zur selben jüdischen Lebensgestaltung, deren Absolutheit sie beide im selben Grade anerkannten?) Diese Geschlossenheit fliegt einem natürlich nicht entgegen. Vielmehr in heißer dauernder Arbeit an sich selbst, aus der - Erkenntnis des Lernens und von der Jeschiwah her, die durchaus nicht nur intellektuellen Wert besitzt, sondern gerade in ihrer ganzen Atmosphäre diese Geschlossenheit verkörpert, erwächst langsam die geforderte Einstellung. Das Judentum, das auf einer derartigen Grundlage den Zionismus aufnimmt, wird nicht mit dem Anspruch, dadurch ein neues, anderes geworden zu sein, auftreten können. Es nimmt gleichsam nur neue Materialien von außen hinein und versteht sie richtig einzuordnen, um die Erfüllung des Judentums in der heutigen Gegenwart fruchtbarer zu gestalten. Es wird uns, so hoffen wir, dadurch' eher möglich, eine Geschlossenheit durch die stärkere Erfassung des Lebens von den Normen der Thora zu erreichen. Wird es aber dadurch ein anderes als auch der östlichen Rabbonim nach der. Mussar- oder chassidischen Richtung hin? Die Lebensgestaltungen der Großen der verschiedenen Zeiten bilden für uns eine solche geschlossene Welt, die auch uns wegweisend erscheinen muß, ohne